Hamburgische Geschichten

Montag

27

November 2017

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Novemberpogrome: Isestraße 139

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Olga Lippmann erlebte den 9. November 1938 in ihrer Wohnung in der Isestraße 139. Die Erlebnisse dieses Tages und die folgenden Ereignisse schilderte sie in einem privaten Bericht, den sie in den 1950er- oder 1960er-Jahren auf Englisch verfasste. Der Bericht hält sich an den chronologischen Ablauf. Die maschinengeschriebene Schriftquelle wurde den jetzigen Bewohnern der Isestraße 139 als Kopie zur Verfügung gestellt. – Eine wissenschaftliche Annäherung von Solveig Bünz

In der Quelle finden sich wenige sachliche Ungenauigkeiten. Zum einen beschreibt Olga Lippmann den 8. November als einen Freitag. Tatsächlich war dieser Tag ein Dienstag. Diese kleineren Ungenauigkeiten sind dem langen Zeitraum zwischen den Geschehnissen im November 1938 und dem Verfassen des Erlebten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschuldet. Zudem handelt es sich um eine sehr persönliche und emotionale Erinnerung, die Unstimmigkeiten in der Darstellung zulässt.
Olga Lippmann lebte seit 1920 mit ihrem Mann Franz und ihren Kindern in der Isestraße 139. Am Ende des Jahres 1938 emigrierte das Ehepaar nach Australien, wo sie ihr Sohn Walter bereits erwartete. In den Tagen der Novemberpogrome 1938 wurden im gesamten Deutschen Reich Synagogen zerstört, jüdische Geschäfte verwüstet, über 30.000 Juden gefangen genommen und über 400 Menschen von den Nationalsozialisten ermordet. Diese Pogrome stellten bis dato den Höhepunkt der Gewalt und der Diskriminierung der deutschen Juden dar, die ab diesem Zeitpunkt zur systematischen Verfolgung und Ermordung wurde.
Auch Olga Lippmann erlebte in diesen Tagen ein besonderes Maß an Gewalt und Vertreibung. Ihre Erzählungen beginnen am 8. November. Am Morgen dieses Tages kam die Gestapo, um ihren Mann Franz abzuholen. Doch dieser war zu diesem Zeitpunkt in Berlin, um dort die Übernahme und „Arisierung“ seiner Firma „H. Lippmann“ abzuschließen. Die Männer der Gestapo durchsuchten die gesamte Wohnung nach Franz und Walter. Erst nachdem Olga Walters Briefe aus Australien vorzeigte und versprach, dass sich Franz bei der Gestapo melden würde, sobald er aus Berlin zurück sei, verließen die Gestapo-Männer die Wohnung.
Daraufhin durchsuchte die Gestapo die Erdgeschosswohnung der Isestraße 139, in der das Ehepaar Hess lebte. Nachdem sie Felix Hess nicht ausfindig machen konnten, riefen sie: „Der ist wohl getürmt!“. Frau Margaret Hess erwiderte daraufhin, ihr Mann könne nicht davonlaufen, da er sein Bein als Offizier im Ersten Weltkrieg verloren hätte. Später erschoss sich Felix William Hess selbst in seiner Wohnung.
Andere Quellen berichten von einem anderen Todesdatum und einem Suizid durch das hoch dosierte Schlafmittel „Veronal“. Dieses habe Felix Hess zu sich genommen und sei daran am 12. November im Eppendorfer Krankenhaus gestorben.
Am 9. November kehrte Franz aus Berlin zurück. Nachdem er den jüdischen Anwalt Dr. Norbert Labowsky ob seiner geplanten Inhaftierung konsultiert hatte, beschloss er, sich bei der nächstgelegenen Polizeistation in der Oberstraße zu melden, um die geplante Emigration nach Australien nicht zu gefährden. Mit dem Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst von Rath durch den jungen Juden Herschel Grynszpan als Vorwand wurden zahlreiche Juden im November 1938 inhaftiert, darunter Franz Lippmann, der mit weiteren Männern in Gefangenschaft saß, unter ihnen auch der Jurist Dr. Fritz Warburg.
Franz saß zunächst eine Nacht in der Oberstraße ein, von wo er weiter in das Gefängnis in den „Hütten“ gebracht wurde, um zuletzt zehn Tage und Nächte im Gefängnis in Fuhlsbüttel zu verbringen. Nur durch die Hilfe eines engen Freundes, Professor Diederich von der Gelehrtenschule des Johanneum, bekam Franz seine Herzmedikamente und andere Notwendigkeiten. Nachdem die Ausreiseerlaubnis nach Australien eingetroffen war, wurde Franz mit dem Gebot, Hamburg innerhalb von drei Wochen zu verlassen, am 20. November freigelassen. Familie Lippmann durfte drei Transportboxen mit ihren Habseligkeiten packen, die vorher von der Gestapo kontrolliert wurden. Viele ihrer Bilder und Gemälde wurde zerstört. Anfang Dezember 1938 konnten Franz und Olga Lippmann nach Australien ausreisen.

 

Literatur

Bajohr, Frank: „Arisierung“ in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933-1945, Hamburg 1997.

Döscher, Hans-Jürgen: „Reichskristallnacht“: die Novemberpogrome 1938, München 2000.

Fladhammer, Christa und Grünwaldt, Maike: Stolpersteine in der Hamburger Isestraße. Biographische Spurensuche, Hamburg 2010.

Gerhardt, Uta: Nie mehr zurück in dieses Land: Augenzeugen berichten über die November-pogrome 1938, Berlin 2009.

Vieth, Harald: Von der Hallerstraße 6/8 zum Isebek und Dammtor. Jüdische Schicksale und Alltägliches aus Harvestehude-Rotherbaum in Hamburg seit der Jahrhundertwende, Hamburg 1990.

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