Hamburgische Geschichten

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November 2017

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Klöpfer – Ein weltreisender Hamburger

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Reisender. Auswanderer. Hamburger. Christian Adolf David Klöpfers Leben, festgehalten in seinem Tagebuch, war von Rastlosigkeit geprägt. Sein Zeugnis ist gleichzeitig Migrations- und Reisebericht. Es gibt Aufschluss über die Lebenswelten sowohl in Deutschland, als auch Übersee. – von Ann-Sophie Hellmich

Hamburg, 18. August 1877

Aus London kommt Christian Adolf Klöpfer mit dem Schiff in Hamburg an und „hatte damit [seine] zweite Rundreise um die Erde beendet“[i]. Acht Jahre zuvor verließ er seine Heimatstadt im Alter von 28 Jahren das erste Mal in Richtung Südamerika. Klöpfer wurde am 02. März 1841 als Sohn einer Fabrikantenfamilie geboren und wuchs zusammen mit einem Bruder und einer Schwester in der Hansestadt auf. An eine kaufmännische Lehre schloss er die Ausbildung in einer Maschinenfabrik an, um später die Fabrik des Vaters zu übernehmen. Dazu kam es im Jahr 1865. Doch schon drei Jahre später hatte er die Metallwarenfabrik seines Vaters aufgrund mangelnder Erträge verkauft. Es war nie sein Ziel gewesen, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden, vielmehr wollte er sich seinen Traum, die Welt zu bereisen, erfüllen. Diesen gelebten Traum hat Klöpfer in einem Tagebuch und zahlreichen Fotografien festgehalten. So hinterließ er wichtige Dokumente für seine Familie, seine Stadt und die Geschichtswissenschaft, anhand dessen seine Motivation, Erlebnisse und Reisen nachvollzogen werden können.

Die erste Reise

Die ersten Schritte auf dem amerikanischen Kontinent machte Klöpfer 1869 in Montevideo, Uruguay. Eine Stadt, die scheinbar sein Wohlwollen findet[ii]. Er verweilt dort jedoch nicht lange. Schon bald reist er auf der Suche nach einem Freund aus Hamburger Tagen nach Argentinien, wo er eine erste Anstellung als Maschinist annimmt. Einige Zeit später hält er sich in Bolivien auf. Lange Abschnitte des Tagebuchs über diese Zeit sind geprägt von Beschreibungen der Umgebung, der Menschen – Europäern wie Einheimischen – und verschiedenen Ereignissen, wie der Revolution in Bolivien. Trotz einiger durchaus ernsterer Erkrankungen erweckt das Beschriebene den Eindruck eines glücklichen Abenteurerlebens. Der Gedanke, sich nieder zu lassen und eine feste Anstellung anzunehmen, erscheint Klöpfer während der gesamten Zeit nicht erstrebenswert. So kommentiert er das Angebot, Viehzüchter in Bolivien zu werden mit den Worten „Ich zog es vor, auch noch mehr von der Erde zu sehen“.[iii]
Ohne eine Arbeit ließ sich dies jedoch nicht finanzieren. So nahm Klöpfer im Jahr 1871 in Chile den Auftrag an, eine Telegrafenleitung zu verlegen. Zwar empfindet er das Leben in Huanchaca (Chile) als angenehm, doch trotzdem scheint er keinen Tag länger als nötig dort bleiben zu wollen.[iv] Über Peru und Panama geht es nach San Francisco, von wo aus Klöpfer den Pazifik überquerte und nach Manila reist, um seinen Bruder Emil zu besuchen. Nach einem kurzen Aufenthalt vollendete er am 18. Juli 1872 mit der Ankunft in Hamburg seine erste Weltumrundung und kam das erste Mal seit drei Jahren wieder in seine Heimat.

Die zweite Reise

Zu Beginn seiner zweiten Reise plante er ursprünglich zunächst nach Bolivien zurückzukehren. Die politische Lage ließ dies jedoch nicht zu. Auf Anraten seiner Freunde in der Region entschied er sich schließlich dazu, sein Glück in Argentinien zu versuchen. Unter Präsident Sarmiento war die Lage in dem Land stabil; außerdem förderte er wie seine Vorgänger die Einwanderung von Nordeuropäern.[v] Von 1873 bis Anfang 1876 arbeitete er als Buchhalter in der Firma Bernberg Heimendahl & Co in Rosario. Seinen Beschreibungen ist zu entnehmen, dass ihm zwar das soziale Leben dort zusprach, die sonstigen Umstände jedoch nicht nach seinem Geschmack waren. Die Stadt selber beschreibt er als recht trist und langweilig und im Vergleich zu seinen sonstigen Aufzeichnungen scheinen ihm hier eher Unwetter und Krankheiten als eine beeindruckende Landschaft und interessante Menschen in Erinnerung geblieben zu sein.[vi]
So war er nach einer Einladung seines Bruders aus Manila wohl froh, seine Zelte abbrechen zu können, in der Hoffnung auf neue Geschäftsmöglichkeiten in Asien. Diesmal in westliche Richtung um die Erde, reiste er über Europa nach Südostasien. Es scheint insgesamt eine angenehme Reise gewesen zu sein. So lobt Klöpfer explizit den hohen Komfort auf dem französischen Streamer im Vergleich zu den deutschen oder englischen Schiffen.[vii] Er überquert den amerikanischen Kontinent und erreicht schließlich am 18. August 1877 Hamburg.
Bezeichnend für Klöpfers Leben in Südamerika ist, dass es scheinbar fast nie an geschäftlichen Möglichkeiten mangelte, diese aber nie zu einer langfristigen Beschäftigung führten. So war dies wohl einer der Gründe, warum eine endgültige Niederlassung nicht stattfand. Als Anfang 1889 durch ein persönliches Zerwürfnis die Geschäfte in der Handelsfirma, an der Klöpfer Anteile hielt, immer schlechter liefen, schien der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein, dem Kontinent den Rücken zu kehren und nach Hamburg zu re-migrieren. Klöpfer stellte damit keine Ausnahme dar. Nur ein Bruchteil der nach Südamerika emigrierten blieb langfristig.[viii]

Die dritte Reise                

Es sollte Christian Klöpfer jedoch noch ein weiteres Mal nach Südamerika verschlagen. Mit seiner 1885 geheirateten Frau Sophie und der Tochter Michaela aus einer früheren Beziehung wollte er sich nach seiner zweiten Reise zunächst in Hamburg niederlassen. Aus finanziellen Gründen scheiterte der Plan jedoch, woraufhin Klöpfer sich alleine nach Südamerika aufmachte. Die Aufzeichnungen Klöpfers zu diesen Jahren 1894-1900 sind deutlich karger und weniger ausführlich als die vorangegangene Darstellung seiner Reisen und Aufenthalte an den verschiedensten Orten dieser Welt. Er unternahm weniger Ausflüge und Touren, auch leidet seine Gesundheit zunehmend. Die Lektüre erweckt den Eindruck, als sei die jugendliche Entdeckerlust Klöpfers erloschen. Stattdessen sieht man nun einen Mann, der versucht, eine Altersvorsorge für sich und seine Familie aufzubauen, um den Rest des Lebens in der vertrauten Heimat mit den Liebsten um sich zu verbringen. Am 9. Mai 1900 kehrte der inzwischen 59-jährige Adolf Klöpfer ein letztes Mal nach Hamburg zurück, wo er schließlich 1926 verstarb.

Klöpfer als Migrant

Klöpfer kehrte Hamburg in einer Hochphase der Auswanderung das erste Mal den Rücken – im Jahr 1869 verließen etwa 136.000 Deutsche ihre Heimat mit dem Ziel Amerika. In dem Zeitraum seiner Reisen zwischen 1869 und 1900 waren es insgesamt 2,7 Millionen Menschen. In dieser Massebewegung gehörte der Hamburger in zweierlei Hinsicht einer Minderheit an. Zum einen wanderten nur ca. 2 % der Gesamtzahl nach Südamerika aus, zum anderen kam der größte Teil der Auswanderer aus Süddeutschland.[ix] Gründe für eine Auswanderung waren häufig eine schlechte wirtschaftliche Lage und daraus resultierende finanzielle Not; auch politische Gründe konnten eine Rolle spielen. Im Lebenslauf Klöpfers lassen sich diese Motive wiederfinden. Ein erster Anhaltspunkt ist der Verkauf der väterlichen Maschinenfabrik, da diese nicht sehr ertragreich war. Klöpfer sah wenig Zukunft für das Unternehmen und verkaufte es.[x] Man muss hier sicher differenzieren, dass Klöpfer damit nicht vor dem finanziellen Ruin stand und keine Zukunft gehabt hätte. Nichtsdestotrotz war dieser Umstand ein Push-Faktor für unseren Protagonisten, der ihn dazu bewog, seine Heimat zu verlassen. An anderer Stelle, bevor er das zweite Mal Hamburg verlässt, beschreibt Klöpfer, dass „die politische und finanzielle Lage in Deutschland mir wenig behagten“.[xi] Diese Aufzeichnung aus dem Jahr 1873 ist ein direkter Bezug auf die sich verschlechternde Lage der Finanzmärkte, welche im Gründerkrach endet und der vorausgegangen Reichsgründung. Ursula Wörst, Herausgeberin seines Tagebuches, bezeichnet Klöpfer als einen liberalen Denker, welcher sich an der Politik Bismarcks störte. Sicherlich ist dies eine plausible Einordnung, weshalb Klöpfer beschloss in der Folge erneut die Hansestadt zu verlassen.

Klöpfer als Reiseberichterstatter und Ethnologe

Christian Adolf Klöpfers Tagebuch ist zugleich Zeugnis einer Auswanderung und Reisebericht. Wie für viele andere, war auch in den Augen Klöpfers die politische und wirtschaftliche Lage in Deutschland ein Grund, das Land zu verlassen. Es wird jedoch schnell deutlich, dass der Lebenslauf Klöpfers keine eindeutige Auswandererbiographie darstellt. Immer wieder nennt er einen weiteren wichtigen Punkt in seinem Tagebuch, der dies unterlegt: Er wollte die Welt erkunden, ihre Grenzen austesten und die Fremde erleben. Wie viele andere war er ein Getriebener, doch wurde er nicht durch äußere Umstände und aus Not getrieben, sondern durch seine eigene innere Unruhe.
In der literarischen Kategorie des Reiseberichts ist die Fremdheitserfahrung, nach welcher Klöpfer strebte, im Kontext des eigenen Erfahrungsschatzes ein zentrales Element.[xii] In ihren verschiedenen Facetten, wie der Fortbewegung, Alltagsleben, oder besonderen Vorfällen, ist sie Hauptthema des Textes. In Klöpfers Bericht lässt sich dieses Element immer wieder vorfinden. So schreibt er etwa in den Einträgen zu seiner ersten Reise, wie er sich in Peru die Erlaubnis holt, um in der alten Indianerstadt Chin Chin Mumien auszugraben. Genau beschreibt er das Aussehen der Mumien und die Art und Weise, wie sie beerdigt waren.[xiii] Niederschriften wie diese waren und sind wichtige ethnologische Quellen. Klöpfer hinterließ der Nachwelt so nicht nur ein Zeugnis seines eigenen Lebens, sondern darüber hinaus ein wichtiges Dokument über die Umstände in Südamerika und die Wahrnehmung dieser durch einen Nordeuropäer.

Literatur

Brenner, Peter: Die Erfahrung der Fremde. Zur Entwicklung einer Wahrnehmungsform in der Geschichte des Reiseberichts, in: Peter Brenner (Hrsg.): Der Reisebericht, Frankfurt am Main 1989.

Klöpfer, Christian Adolf David: Die Abenteuer meines Lebens. Das Tagebuch eines Auswanderers, Hamburg 2008.

Knauf, Diethelm: To Govern Is To Populate. Wanderbewegungen nach Lateinamerika, in: Diethelm Knauf, Barry Moreno (Hrsg.): Aufbruch in die Fremde. Migration gestern und heute, Bremen 2009.

Marschalck, Peter: Deutsche Überseewanderung im 19. Jahrhundert. Ein Beitrag zur soziologischen Theorie der Bevölkerung, Stuttgart 1973.

 

[i]                 Klöpfer, Abenteuer meines Lebens, 2008, S.53.

[ii]                Klöpfer, Abenteuer meines Lebens, 2008, S.31-33.

[iii]               Klöpfer, Abenteuer meines Lebens, 2008, S.86.

[iv]               Klöpfer, Abenteuer meines Lebens, 2008, S.91.

[v]                Knauf, To Govern Is To Populate, 2009, S.143.

[vi]               Klöpfer, Abenteuer meines Lebens, 2008, S.128-132.

[vii]              Klöpfer, Abenteuer meines Lebens, 2008, S.134.

[viii]             Knauf, To Govern Is To Populate, 2009, S.146.

[ix]                Zahlen nach Marschalk S. 38, 39 und 49, 50.

[x]                Klöpfer, Abenteuer meines Lebens, 2008, S. 22.

[xi]                Klöpfer, Abenteuer meines Lebens, 2008, S.122.

[xii]               Brenner, Die Erfahrung der Fremde, 1989, S.14.

[xiii]               Klöpfer, Abenteuer meines Lebens, 2008, S.94.

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