Hamburgische Geschichten

Dienstag

14

November 2017

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Briefe von A. Lichtwark: Provokateur auf Reisen

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Er galt als impulsiv, emotional und aufbrausend. Alfred Lichtwark war der erste Direktor der Hamburger Kunsthalle, der kein Senatsmitglied war. Er war alles andere als ein gewöhnlicher Museumsdirektor. Charismatisch und schonungslos ehrlich verfasste Lichtwark in seiner Amtszeit mehrere hundert Reisebriefe an die Kommission der Kunsthalle und den Hamburger Senat. Eine Quelleninterpretation an einem der unzähligen Briefe als Beispiel für einen eher untypischen Beamten Hamburgs. – von Josephine Knapp

Alfred Lichtwark wurde heute vor 165 Jahren, am 14. November 1852 in Hamburg als eines von vier Kindern geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Volksschullehrer und anschließend ein Studium der Buchwissenschaft in Leipzig. Mit 34 Jahren wurde er nach Hamburg zurückgerufen und am 03. Dezember 1886 der erste, nicht vom Senat gestellte Direktor der Hamburger Kunsthalle.[i]

Verwahrung in der Kunsthalle

Bei der im Folgenden betrachteten Quelle handelt es sich um einen der Reisebriefe, die Alfred Lichtwark auf seinen Reisen durch Deutschland an die Senatoren von Hamburg schrieb. In diesen reflektiert er Gesehenes aus Stadtbaukunst, lokaler Kunst und Architektur und berichtet über Baudirektoren.
Die meisten Reisebriefe Lichtwarks sind im Archiv der Kunsthalle verwahrt. Lichtwark selbst veröffentlichte kurz vor seinem Tod eine Druckfassung seiner Briefe[ii], in der allerdings nicht alle Reisebriefe zu finden sind. Außerdem hat er einige Kürzungen und Korrekturen vorgenommen, so dass sich einige der Schriften inhaltlich stark von den Originalen abweichen. Vermutlich unterlag die Druckfassung einer Zensur durch den Hamburger Senat. Nach der Veröffentlichung blieben die Briefe lange Zeit unbeachtet. Aufmerksamkeit erhielten sie erst wieder 2012 durch die Kunsthistorikerin Henrike Junge-Gent, welche eine „alle bisherigen Forschungen zusammenfassende und um unveröffentlichte Briefe ergänzte, ultimative Biografie Alfred Lichtwark – Zwischen den Zeilen[iii] verfasste und Lichtwark so ein Denkmal setzte. Der Großteil der Briefe ist in gutem Zustand und leserlich erhalten. Da Lichtwark die Briefe per Hand schrieb, stellt die Handschrift und der jeweilige Umstand des Entstehens des Briefes eine Herausforderung für den Leser dar. Lichtwark schrieb 20 bis 40 Briefe am Tag und dementsprechend litt die Leserlichkeit der Briefe zum Teil darunter.
Äußerlich gibt es wenig Unterschiede zwischen der Druckfassung und dem handschriftlichen Original des Reisebriefes vom 19.09.1899. Es wurde lediglich ein „ja“ weggelassen und -dies wurde in allen Briefen so gehandhabt- die Schlussfloskel „In vollkommenster Hochachtung, Ihr ergebnster Lichtwark“ entfernt.

Der Brief von „Innen“

Inhaltlich unterscheidet sich der Reisebrief daher gar nicht von der Druckfassung. Indessen lassen sich einige inhaltliche Dinge erläutern. Der Brief ist in München entstanden und war an Carl Möhring, dem zu der Zeit amtierenden Senator Hamburgs, gerichtet. Zuallererst nennt Lichtwark die genossene Zeit mit Kaulbach. Dabei meinte er nicht den deutschen Maler Wilhelm von Kaulbach persönlich, sondern seine Werke. Kaulbach ist 1805 geboren und 1874 in München verstorben. Er war bekannt für große Wand- und Deckengemälde mit historischen Motiven war. Mit der im weiteren erwähnten „berühmten Galerie Schubarts“ ist die Privatsammlung des Lehrers und Kunstsammlers Martin Schubart (18401899) gemeint, über die „Sammlung Dreyfus“ lässt sich nur vermuten, dass es sich dabei um eine weitere Privatsammlung handelte. Daraufhin zählt Lichtwark ein paar Künstler auf, für dessen Gemälde er sich in München interessierte. Zum einen schreibt er über den deutschen Maler Franz von Lenbach (1836-1904) und dessen Bildnis von seinem schweizer Schüler Arnold Böcklin (18271901). Zum anderen von Gabriel Metsu (16291667), der ein niederländischer Genre- und Porträtmaler war. Außerdem über den niederländischen Barockmaler von Philips Wouwerman (16191668). Und abschließend von Peter Paul Rubens (15771640), der ebenfalls ein Barockmaler war und aus Belgien stammte. Zum Ende des Briefes erwähnt Lichtwark noch einmal einen deutschen Künstler. Carl Spitzweg (18081885) war ein Maler der Spätromantik.

Die finanziellen Mittel waren knapp

In der Mitte des Briefes kann man das erste Mal von einem der Probleme, mit denen sich Lichtwark als Direktor der Kunsthalle beschäftigen musste, lesen. Lichtwark wertete die Sammlung der Kunsthalle durch seine Käufe enorm und holte einige sehr bedeutende Gemälde nach Hamburg. Trotzdem fehlten ihm häufig die finanziellen Mittel, um sich gegen andere Konkurrenten, wie den amerikanischen Unternehmer wie J.P. Morgan, bei Kunstauktionen durchzusetzen. Diese finanzielle Unterlegenheit verärgerte Lichtwark sehr und er äußerte sich über diesen Umstand auch in weiteren Reisebriefen. Deutlich wird diese Problematik an folgender Stelle: „Wie sich die Preise machen werden, ist ein Problem“.
Im vorletzten Absatz berichtet Lichtwark von Münchens „Specialitätenbühne“, die als Deutsches Theater 1896 eröffnet wurde. Er vergleicht sie mit Theatern anderer Städte wie dem Berliner Friedrich-Wilhelm-Städtischem Theater oder dem Zentraltheater in Dresden. Mit diesem Vergleich wird die harsche Kritik Lichtwarks an Hamburgs Stadtverwaltung untermauert. Immer wieder bemängelt er, dass sowohl der künstlerische, als auch der kulturelle Bereich Hamburgs zu wenig Beachtung findet. Seine Hoffnung setzt er in das „neue Theater“, womit er die Eröffnung des Schauspielhauses am 15.09.1900 meinte.

Die Neogothik: ein schwieriges Thema für Lichtwark

Den nächsten Abschnitt des Briefes widmet Lichtwark dem Baudirektor Adolf Schwiening (1847-1916). Er war Anhänger der hannoverschen Architekturschule, die sich vom Klassizismus ab, der Neogothik zuwandte. Diese kritisierte Lichtwark immer wieder stark und echauffierte sich häufig über den damit einhergehenden Historismus in der Architektur. Schwiening war von 1879 bis 1895 leitender Baudirektor der Stadt Lübeck und von 1895 bis 1916 Leiter des Stadtbauamtes München.
Abschließend zieht Lichtwark nochmal den Bezug zu Hamburg und kritisiert die Neugestaltung des Jungfernstiegs und die Neuerbauung des Alsterpavillons. Dieser wurde zum zweiten Mal 1875 und zum dritten Mal 1900 um-, bzw. neu errichtet. Lichtwark sprach sich klar gegen diese Veränderungen aus.

Eine starke Persönlichkeit

Es lässt sich zusammenfassen, dass Lichtwark in seinem Brief große Kritik an dem Umgang der Stadt Hamburg mit der Kunst übt. Er steckt große Hoffnung in das Schauspielhaus, das 1900 erbaut wurde und Hamburg zu einer Großstadt machen sollte, die sich auch im Theaterbereich mit anderen deutschen Großstädten messen können würde. Hier sieht er eine falsche Gewichtung in der Prioritätensetzung der Stadt Hamburg, bei Neubauten und ihrer Zweckmäßigkeit. Außerdem wird auch sein Unmut gegenüber der, in seinen Briefen oft erwähnten Neogothik, des Historismus und der hannoverschen Architekturschule deutlich. Er ist Vertreter des Klassizismus und sieht in der Verwendung von Historismus in der Architektur eine Art Zusammenwürfelung von Stilen, die die Einheitlichkeit eines Stadtbildes zerstören kann. Auch der Neuerbauung des Alsterpavillons am Jungfernstieg steht er sehr skeptisch gegenüber. Er spricht sich sehr stark gegen die Umgestaltung des Jungfernstiegs zu Tourismuszwecken und gegen die neuen Bebauungen im Alster-Gebiet aus. Zum Schluss wird noch einmal deutlich, dass Lichtwark neue Ideen und Visionen zur Verbesserung des künstlerischen Städtelebens und dessen Verwaltung hatte und diesen in seinen Reisebriefen Ausdruck verlieh. Dabei legte er keinen Wert auf Formalitäten oder nahm besondere Rücksicht. Er sagte offen, manchmal fast schon frech, wie seine Meinung zu bestimmten Dingen war und nahm kein Blatt vor den Mund, ob nun gegenüber Konkurrenten, anderen Beamten oder Senatoren.

Literatur Empfehlung:

Junge-Gent, Henrike: Alfred Lichtwark. Zwischen den Zeiten (Forschungen zur Geschichte der Hamburger Kunsthalle), Hamburg 2012.

Verwendete Quellen:

Lichtwark, Alfred: Briefe an die Commission für die Verwaltung der Kunsthalle, Band VII 1899, Hamburg 1901.

Lütcke &Wulff: Hamburgisches Staats-Handbuch für 1899, Hamburg 1899.

https://digitalisate.sub.unihamburg.de/nc/detail.html?tx_dlf%5Bid%5D=3116&tx_dlf%5Bpage%5D=146&tx_dlf%5Bdouble%5D=0&cHash=eab26b780acf9d4ca9567e22e99c29dc

http://www.zeit.de/2014/03/alfred-lichtwark-kunst-todestag

 

[i] http://www.zeit.de/2014/03/alfred-lichtwark-kunst-todestag

[ii] https://digitalisate.sub.uni-hamburg.de/nc/detail.html?tx_dlf%5Bid%5D=3116&tx_dlf%5Bpage%5D=146&tx_dlf%5Bdouble%5D=0&cHash=eab26b780acf9d4ca9567e22e99c29dc

[iii] http://www.zeit.de/2014/03/alfred-lichtwark-kunst-todestag/seite-4

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