Hamburgische Geschichten

Montag

16

Oktober 2017

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Laufenberg: Hamburgs „roter Diktator“

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Vor 100 Jahren begann mit dem Kieler Matrosenaufstand die Novemberrevolution und nach wenigen Tagen war auch in Hamburg die alte Ordnung hinweggefegt. Ein Arbeiter- und Soldatenrat übernahm für ein paar Wochen die Macht in der Hansestadt. Dessen Vorsitzender, Heinrich Laufenberg, avancierte für kurze Zeit zu Hamburgs „rotem Diktator“. – von André Zuschlag

November 1918: Revolution in Hamburg. Ein Arbeiter- und Soldatenrat hat die Macht in der Hansestadt übernommen. Der Senat, die Jahrhunderte alte Machtinstitution des Bürgertums, wird kurzerhand für abgesetzt erklärt und die rote Fahne auf dem Rathaus gehisst. Doch wie sich der Rat als neue Machtinstitution langfristig zusammensetzen soll, darüber gibt es in Hamburgs Arbeiterschaft erbitterte Diskussionen. Gewerkschaften und die Sozialdemokraten als größte Arbeitervertretungen wollen bürgerliche Kräfte einbeziehen, Linksradikale und Kommunisten sind strikt dagegen. Der Konflikt innerhalb Hamburgs Arbeiterbewegung spitzt sich in den Tagen der Machtübernahme auf die Frage zu, wer Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats werden soll. Am Ende wird es ein linksradikaler „Dickschädel“, wie die Sozialdemokraten ihn bezeichnen. Er hatte zuvor mit weiten Teilen der politischen Linken erbitterte Fehden geführt und denkt nicht daran, es nun zu unterlassen: Heinrich Laufenberg. Er geht als Hamburgs „roter Diktator“ in die Geschichte ein und symbolisiert geradezu perfekt den innerlinken Konflikt zwischen pragmatischen Lösungsansätzen und radikalem politischen Wandel.

Am Anfang seines Lebens deutete nichts darauf hin, dass Laufenberg später einmal für die Belange der Arbeiterschaft eintreten würde. 1872 wurde er im rheinischen Köln in ein katholisch-bürgerliches Milieu geboren. Ganz dieser Herkunft folgend, trat er nach dem Philosophie- und Volkswirtschaftsstudium der Zentrumspartei bei und begann für die der Partei nahestehende Zeitschrift „Germania“ zu schreiben. Erst nachdem er in Kontakt mit den Schriften von Marx und Engels kam, wandte er sich der Sozialdemokratie zu. Schnell rückte er weiter in den linken Flügel der Sozialdemokraten; laut eines damaligen Polizeidossiers sei er den Sozialdemokraten „extremster Richtung“ zuzuordnen gewesen. 1908 kam er in die Hansestadt. Auf Wunsch der SPD sollte er die lokale Geschichte der Arbeiterbewegung aufarbeiten.

Doch statt sich um die Vergangenheit zu kümmern, mischte er sich lautstark in die Gegenwart ein und bekämpfte die SPD-Führung aufs Schärfste: Als der Erste Weltkrieg ausbrach, die SPD-Führung die Zustimmung zu den Kriegskrediten gab und die Burgfriedenpolitik beharrlich verteidigte, gehörte Laufenberg zu den entschiedensten Gegnern dieser Politik – eine Position, die später entscheidend sein wird für die Wahl zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrats. Denn mit dieser Position war er in der Hamburger Arbeiterschaft Anfang November 1918, noch kurz vor Ende des Krieges, die prädestinierte Führungspersönlichkeit.

Bildquelle: Staatsarchiv Hamburg, Atelier Jaap

Auch äußerlich verkörperte er Glaubwürdigkeit. Laufenberg überragte die meisten Menschen in seiner Umgebung. Sein markanter Schnäuzer und der lange Soldatenmantel, in dem er sich präsentierte, als sei er auf direktem Wege von den Schützengräben gekommen, taten ihr Übriges, damit er als legitimer Volkstribun die Interessen der Massen zu vertreten und sie in eine neue Welt zu führen vermochte.

Doch was nun, frisch im Amt des Revolutionärs? Zunächst lässt Laufenberg Flugblätter verteilen, in denen zu Ruhe und Ordnung aufgerufen wird. Außerdem werde das Privateigentum nicht angetastet, versichert er zusätzlich. Bald darauf beschließt der Rat die Einführung des Acht-Stunden-Tags, verbessert den Kündigungsschutz und sorgt für die Schaffung eines Arbeitsamtes. Drängend ist vor allem aber die große Lebensmittelknappheit in der Millionenstadt. Die Lösung dieses Problems hat absolute Priorität. Als Laufenberg und die übrigen Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrats merken, dass für die Umsetzung ihrer Vorhaben eine hörige Verwaltung vonnöten ist, wird nach einigen Tagen der Senat wiedereingesetzt, um die politischen Entscheidungen kompetent umzusetzen.

Während die neue Machtinstitution Politik pragmatisch betreibt und die Verbindungen zum Bürgertum und den abgesetzten Eliten nicht völlig abkappen will, präsentiert sie sich nach außen mit revolutionären Parolen: „Die Diktatur des Proletariats ist nicht mehr fern“, ruft Laufenberg den Massen entgegen. Doch innerhalb des Rats sind die Gräben noch tiefer als zum Bürgertum. Als ein Putschversuch, angeblich von Gewerkschaften und Sozialdemokraten angeleitet, scheitert, ist Laufenberg am Zenit seiner Macht. Die drängenden Alltagsprobleme der Bevölkerung kann auch er nicht lösen, versucht es aber immer wieder mit eigenmächtigen Beschlüssen. Die ständigen Beschimpfungen gegen Gewerkschaften und Sozialdemokraten, verbunden mit dem Versuch, eine Diktatur des Proletariats zumindest öffentlich anzustreben, sind letztlich zu viel des Guten. Die Mehrheit in Hamburgs Arbeiterbewegung wünscht einen schrittweisen Fortschritt, keine unordentliche Permanentrevolution. Nach zwölf Wochen übernehmen die Sozialdemokraten die Macht im Arbeiter- und Soldatenrat, während die Weimarer Republik als parlamentarische Demokratie entsteht.

In seiner alten SPD, seiner ersten großen politischen Liebe, hat er bis zu seinem Lebensende einen Intimfeind gefunden. „Mit ehernem Tritt“ will er sie nach seinem Sturz „zermalmt“ sehen. Und auch von seinen einstigen politischen Wegbegleitern war er als eigenwilliger Dickschädel verstoßen und verleumdet worden. Gründe dafür gab es wohl genug: Offenbar nicht ganz zu Unrecht behauptete der Historiker Joachim Paschen, die einzige Partei in der Laufenberg glücklich geworden wäre, wäre die Laufenberg-Partei gewesen.

Vollkommen ins Abseits warf sich Laufenberg mit seiner Befürwortung des Nationalkommunismus. Nationalismus und Kommunismus gemeinsam? Das war auch für die letzten treuen Gefolgsleute zu viel. Völlig verarmt und isoliert starb Laufenberg 1932. Hamburgs „roter Diktator“ war für einen kurzen historischen Moment, es waren letztlich nur wenige Wochen, hoch oben. Doch von dort ist er tief gefallen.

 

Literatur

Volker Stalmann (Bearb.): Der Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat 1918/19. Unter Mitwirkung von Jutta Stehling (= Quellen zur Geschichte der Rätebewegung in Deutschland 1918/19; Bd. IV), Düsseldorf 2013.

Frank Lehmann: Heinrich Laufenberg und die Revolution 1918/19 in Hamburg, Hamburg 2009.

Dirk Brietzke: Laufenberg, Heinrich. In: Hamburgische Biografie, Band 2, hrsg. von Franklin Kopitzsch und Dirk Brietzke, Göttingen 2008, S. 239–240.

Quellen

Heinrich Laufenberg: Geschichte der Arbeiterbewegung in Hamburg, Altona und Umgegend, Berlin 1977 (Nachdruck der Ausgabe Hamburg 1911).

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