Hamburgische Geschichten

Montag

8

Mai 2017

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Rathaus: Die Statuen der Außenfassade

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Kaiser, Heilige, eine Göttin und zwei Unbekannte. Wir begeben uns auf eine Umrundung des Hamburger Rathauses und erlangen dabei – von Nord-Ost nach Süd-Ost – manch neue Erkenntnis bezüglich dessen Geschichte und Gestaltung. Um das Rathaus herum führt Helena Berchtold

Hamburg Rathausmarkt. Stehen wir auf Höhe des großen Hauptportals und heben trotz des eisigen Windes den Blick nach oben, so sehen wir dort auf der Rathausfassade eine ganze Reihe unerschütterlicher Kerle stehen, sämtlich stattlich in Pose geworfen, Schwerter und Schilde zur Hand. Seit über 100 Jahren stehen sie dort oben, wo sie einst aufgestellt wurden, um Geist und Geschichte dieser Stadt zu repräsentieren. Doch bevor die letzte Gestalt ihre Position an der Fassade eingenommen hatte, vergingen viele Jahre – Skizzen wurden gezeichnet, Wettbewerbe bestritten, gestritten und schließlich von mehreren Bildhauern Statuen gefertigt. Alles im Rahmen der Erbauung des Rathauses, wie es hier heute steht. Denn nachdem das alte Rathaus an der Trostbrücke beim Großen Brand von 1842 zerstört worden war, machten sich die Hamburger daran, ein neues zu errichten. Es brauchte Jahre der Planung, bis 1886 der Grundstein des neuen Rathauses gelegt wurde. Nachdem es mit Mühe zu einer Einigung über Standort und Grundriss gekommen war, schieden sich die Geister Anfang der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts an einem weiteren Streitunkt: Den Statuen an der Außenfassade des Gebäudes.

Quelle: eigene Aufnahme

Nord-Ost
Bei Tageslicht und klarer Sicht können Passanten vielleicht erahnen, um wen es sich bei den bronzenen Figuren handelt, die sich rechts und links des Hauptportals aufreihen – im besten Fall lassen sich die Inschriften entziffern, die je zu ihren Füßen angebracht sind. Es handelt sich samt und sonders um Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, 20 an der Zahl, angeführt von Friedrich Barbarossa und Karl dem Großen über dem Eingangstor. Anhand von Zeitungsartikeln aus jener Zeit lässt sich nachvollziehen, dass unter den Hamburgern Uneinigkeit darüber bestand, ob den Kaisern so viel Platz am Rathaus einräumt werden solle. Während so mancher die Meinung vertrat, dem Kaiserreich müsse in dieser Form Respekt gezollt werden, pochten andere auf die Selbstständigkeit Hamburgs: Die Hamburger seien selbst zu ihrer Größe gelangt und die Kaiser hätten es somit nicht verdient, die Front des Rathauses zu schmücken. Stattdessen hätten ebendiese Stimmen lieber Statuen bedeutender Hamburger an der Fassade des Gebäudes gesehen. Lediglich die Aufstellung einer Statue Barbarossas erhielt uneingeschränkten Zuspruch, da Einigkeit darüber bestand, dass dieser mit seinem Freibrief der Stadt einen großen Dienst erwiesen habe.

 

Quelle: eigene Aufnahme

Norden/Nord-West
Wenden wir uns nun nach rechts, in Richtung der kleinen Alster, so ist in schwindelerregender Höhe eine weitere Statue am Eck des Rathauses auszumachen: Leicht bekleidet, doch mit Flügeln und Heiligenschein ausgestattet, streckt droben der Erzengel Michael sein Schwert gen Himmel. Gelangt man auf die nächste Seite des Gebäudes ist auf dieser Höhe außerdem ein weiterer Heiliger zu erkennen: Petrus, der in seiner Rechten den charakteristischen Schlüssel hält. Neben diesen beiden krönen sieben weitere Heiligenstatuen die Rathausgipfel, sämtlich repräsentieren sie die Patrone des Doms, der Hauptkirchen oder Klöster. Wie auch die Aufstellung der Kaiserstatuen, so wurde diese kirchliche Symbolik im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht ausnahmslos begrüßt. Ein Kommentator des Hamburgischen Correspondenten sei hier ob seines Scharfsinns zitiert: „Ein Fremder, der später einmal Hamburg besucht, wird […] zu der Meinung kommen, das Gebäude sei ursprünglich für einen kirchlichen Zweck erbaut, und erst später zum Rathhaus genommen worden, oder daß die Bürger im Jahre 1892 sehr kirchlich gesinnt gewesen seien.“

Quelle: eigene Aufnahme

Süd-West
Setzen wir die Umrundung des Rathauses fort, gelangen wir durch ein hohes Portal, das von zwei steinernen Löwen gesäumt wird, in den ausladenden Innenhof des Rathauses – ein schöner und meist ruhiger Platz. Auch hier ließe sich einiges an der Fassade des Gebäudes entdecken, doch soll die Aufmerksamkeit jener Statue gelten, die wohl jedem zuerst ins Auge fällt: Vom Drachen zu ihren Füßen unbekümmert, steht Hygieia in Mitten des großen Brunnens und reckt eine Hand in die Höhe, in der sie eine wasserspendende Schale hält. Hygieia, Tochter des Asklepios, ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Gesundheit. Hier im Innenhof wird sie von sechs kleineren Figuren gesäumt, die je eine Verwendung oder Eigenschaft von Wasser darstellen sollen. Der Brunnen wurde zum Gedenken an die Choleraepedemie errichtet, der 1892 tausende Hamburger zum Opfer fielen. Doch manch einem erschien es wie ein Hohn, dass die Hamburger Elite sich gleichsam ein Siegesdenkmal setzte – triumphiert doch die Hygieiafigur über die des Drachen. Kritiker äußerten, dies verschleiere, dass der Kampf gegen die Cholera angesichts all der Toten keineswegs siegreich gewesen sei.

Quelle: eigene Aufnahme

Süd-Ost
Bleibt noch die vierte Seite des Rathauses, zu der wir abermals durch ein hohes Tor gelangen, und deren Betrachtung durch die angrenzende Straße erschwert wird. Hier krönen Heilige die höchsten Punkte; wer aufgepasst hat, kann bald alle neune ausmachen. Doch die Fassade wird von zwei Unbekannten eingenommen. Zwei Statuen, zu deren Aufstellung keine Streitigkeiten belegt sind. Das mag an ihrem schlichtenden Charakter liegen, sollen sie doch, wie sie hier gemeinsam stehen, die Ausgewogenheit von Fortschritt, zur Linken, und Beständigkeit, zur Rechten, repräsentieren. Die beiden scheinen als Wegbegleiter für jene geeignet, die sich noch einmal aufmachen wollen, das Rathaus zu erkunden – ob außen oder innen. Wo meint man, Beständigkeit, ja Konservatismus, wo Fortschritt auszumachen?

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