Hamburgische Geschichten

Samstag

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Januar 2017

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Elbphilharmonie: „Die Schöne, sie ist erwacht“

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Mit der Eröffnung der Elbphilharmonie am 11. Januar 2017 bekommt Hamburg ein neues Wahrzeichen, das die Gegensätze zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne sowie Geschichte und Zukunft auf einzigartige Weise vereint – von Lisa-Marie Behm

Stolz und majestätisch liegt sie da, die Elbphilharmonie, verankert in traditionsreichem Boden, umflutet von der Elbe, hellen Lichtern und den staunenden Blicken einer ganzen Stadt. Ihr zu Ehren fährt Hamburg an diesem Eröffnungsabend des 11. Januar 2017 sein urtypisches Wetter auf. Sturm und Regen peitschen um Hamburgs neues Wahrzeichen, rau, kalt und nass. Es herrschen höchste Sicherheitsvorkehrungen, die Straßen rund um das Bauwerk sind weiträumig abgesperrt. Neben rund 2100 Gästen und dem Ersten Bürgermeister der Stadt, Olaf Scholz, hat sich die deutsche Staatsspitze um Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck im Großen Saal eingefunden, um die Eröffnungsfeier mit den Hamburgern zu begehen.

Verankert in der Geschichte Hamburgs
Gefeiert wird die Fertigstellung eines Wahrzeichens, das Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne sowie Geschichte und Zukunft der Stadt Hamburg auf einzigartige Weise vereint.
Die Elbphilharmonie steht auf geschichtsträchtigem Boden. Nicht nur das – sie ist durch den alten Kaispeicher A, der ihren Unterbau bildet, organisch mit Hamburgs Vergangenheit verbunden.
Am heutigen Standort der Elbphilharmonie entstand im Jahr 1875 der Kaiserspeicher, wie er zunächst genannt wurde, der damals größte und modernste Speicher im Hamburger Hafen. Wegen seiner Größe und der Besonderheit, dass er der einzige Speicher war, der von Seeschiffen direkt angefahren werden konnte, avancierte der Kaiserspeicher zum Wahrzeichen. Mit seinem hohen Turm thronte er auf seinem Platz und setzte für Seeleute aus aller Welt ein Zeichen, dass Hamburg zuallererst Handelsmetropole war. Der Zeitball an der Spitze des Turms fiel mittags um 12 Uhr und ermöglichte es den Seeleuten, ihre Uhren exakt zu stellen. Der Kaiserspeicher war somit beeindruckender Zweckbau und zweckmäßiges Wahrzeichen zugleich. Aufgrund seines Namens und seiner Lage an der Spitze des Kaiserhöfts am Sandtorhafen wurde er bald abgekürzt Kaispeicher genannt. Hier lagerten auf etwa 19.000 Quadratmetern Kolonialwaren wie Tabak, Tee und Kaffee, vor allem Kakao. Nach einem Feuer im Jahre 1892, das weite Teile des ursprünglichen Gebäudes stark beschädigte, erfolgte die Renovierung. Der Kaispeicher befand sich bis zum Jahre 1943 in Benutzung – in diesem Jahr wurde er durch Fliegerbomben so stark beschädigt, dass im Jahr 1963 die Sprengung erfolgen musste. 1966 wurde der Neubau fertiggestellt, der von da an wiederum als Kakaospeicher genutzt wurde. Doch die fortschreitende Modernisierung von Warentransport und -lagerung sowie der Beginn der Containerschifffahrt machten den für Stückgut ausgelegten Kaispeicher mehr und mehr unbrauchbar. Ab dem Jahre 2001 war neben Umbauplänen sogar von Abriss die Rede.

Hanseatische Werte im Wandel
Der Kaispeicher stellte in den über 100 Jahren seines Bestehens ein Wahrzeichen der Hamburger Kaufmannschaft und des hanseatischen Handels dar – zwei Werte, die seit jeher untrennbar mit der Hansestadt verbunden gewesen waren und weit in das alltägliche Leben der Stadt hineinragten. Doch hat sich im Laufe der Jahrzehnte zwischen Krieg und Gegenwart nicht nur das Stadtbild verändert, sondern es verlagerte sich auch der Schwerpunkt der Stadt.
Die Hansestadt ist und bleibt eng mit dem weltweiten Handel verbunden, sie atmet die weite Welt und deren Güter mit dem Strom der Elbe ein, wächst an ihr, wächst mit ihr. Und doch ist immer öfter auch von Hamburg als Musik- und Kulturmetropole die Rede. Es wird viel investiert in den Ausbau Hamburgs als Musical-Standort; seit 1908 verfügt die Stadt mit der Laeiszhalle über eines der damals modernsten Konzerthäuser in Deutschland, das auch heute noch weltweit angesehen ist. Man möchte mithalten mit der Welt, mit der Zeit gehen, man möchte heranreichen an Musikstätten wie etwa der Oper in Sydney. Nun soll dieses Ziel ein Stück näher gerückt sein – „Die Schöne, sie ist erwacht“, sagt Bürgermeister Olaf Scholz in seiner Rede.
Mit der Elbphilharmonie, an der Spitze der neugegründeten HafenCity gelegen, ist den Verantwortlichen im wahrsten Sinne ein Glanzstück gelungen – durch die Verschmelzung des alten Kaispeichers mit dem modernen Glasaufbau ist Hamburgs neues Wahrzeichen ein Denkmal für den althergebrachten Handel und den vergleichsweise neuen Schwerpunkt Kultur gleichermaßen. Und es ist gleichsam ein Zeichen von diesem traditionsreichen Standort aus: Seht her, das ist es, was Hamburg war, was Hamburg ist und was Hamburg werden möchte.

Ein Ort der Vielfalt
Die Symbolkraft der Elbphilharmonie gilt nicht nur für Handel und Kultur, sondern kann auch von der gesellschaftlichen Ebene betrachtet werden. Denn neben dem Handel ist auch das Motiv der Weltoffenheit seit jeher ein Teil dieser Stadt gewesen. Hamburg als „Tor zur Welt“, ein Ort, an dem Seeleute aus aller Welt an Land gingen, Glaubensflüchtlinge Schutz fanden – und doch gleichzeitig auch ein Ort, den gebürtige Hamburger ungern verlassen, wie es heißt.
Joachim Gauck griff diesen Punkt am Eröffnungsabend auf. Er machte in seiner Rede darauf aufmerksam, dass Hamburgs neues Wahrzeichen eben nicht nur für die Kultur- und Musikstadt Hamburg stehe, sondern auch für eine ebenso „weltoffene wie vielfältige Metropole“, in der sich Unterschiede begegnen und zusammenkommen. All dies ist nicht zuletzt an der Architektur des Gebäudes zu beobachten: Zusammengesetzt als „Sinfonie aus Glas und Stein“, wie Bürgermeister Olaf Scholz es beschreibt, ist die Fassade der Elbphilharmonie ein Zusammenspiel aus verschiedenen Materialien, Zeiten und Welten. Und doch kann hier jeder Interessierte seinen Platz finden. Auch der Große Saal im Inneren spiegelt dies wider: Die Bühne befindet sich mittig, ist umringt von Zuschauerplätzen, sodass niemand zurückgesetzt wird. Auch die preisgünstigsten Sitze sind nur 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Die sogenannte „Weiße Haut“, die Wandverkleidung des Saals, besteht aus rund 10.000 unterschiedlicher, einzeln angefertigter Gipsfaserplatten. Gauck zieht daraus eine Parallele zu den Zuschauern und sagt: „Hier erleben wir ein Miteinander, ohne unsere Individualität aufgeben zu müssen.“ Die Elbphilharmonie ist also auch ein Treffpunkt von besser und schlechter situierten Zuschauern, Hamburgern und Nicht-Hamburgern, Lokalpatriotismus und Weltoffenheit. „Ein Haus für alle“, wie der Bundespräsident sie nennt.

Aus Spott wird Hype
Gauck spricht auch vom „bürgerlichen Engagement“, welches die Planung und Errichtung der Elbphilharmonie erst möglich gemacht habe. „Wir haben es auch den hunderten von Bürgerinnen und Bürgern zu verdanken, die den Bau und den Spielbetrieb mit ihren Spenden unterstützt haben.“ Hier darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass längst nicht alle Hamburger dem Projekt offen und mit helfender Hand zur Seite gestanden haben. Vielmehr hat die Elbphilharmonie seit der ersten Planungsphase großen Unmut und sogar Spott aus der Bevölkerung und in der medialen Berichterstattung auf sich gezogen – es ging um die Verdreifachung der Baukosten von etwa 272 Millionen auf 789 Millionen Euro und den immer wieder nach hinten verschobenen Fertigstellungstermin. Augenscheinlich hat sich die Entrüstung mit der Eröffnung gelegt.
Und während draußen weiterhin das raue, kalte und nasse Januarwetter herrscht, geht drinnen im Großen Saal der Festakt zu eleganten und sanften Klängen von Beethoven und Brahms zuende. Ja, es ist ein Ort voller Gegensätze – ein Ort voller moderner Komponenten, der doch ganz tief in der Geschichte der Stadt verwurzelt ist.

 

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