Hamburgische Geschichten

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Oktober 2016

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1686 – Hamburgs heißer Herbst

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Die Wirren Hamburgs der 1680er Jahre sind heute fast vergessen. Dabei erlebte die Hansestadt eine der turbulentesten Phasen ihrer Geschichte: der Bürgermeister wurde aus der Stadt gejagt, Kaufleute fürchteten um ihr Hab und Gut und fremde Mächte belagerten die Stadt. – Von Florian Tropp

Am 4. Oktober 1686 war die gesamte Hansestadt Hamburg auf den Beinen. Jeder Bewohner wollte noch einen letzten Blick auf die beiden Männer werfen, die in den vergangenen zwei Jahren Hamburgs Politik geprägt hatten: der Reeder Cord Jastram und der Kaufmann Hieronymus Snitger. Gemeinsam hatten sie und ihre Gefolgsleute die Stadt in den Monaten zuvor auf den Kopf gestellt und sogar den Senat entmachtet. Nun, da die hanseatischen Eliten die Zügel wieder fest in der Hand hielten, übten sie grausame Rache.

Die beiden Delinquenten wurden auf den Richtplatz gezerrt und vor den Augen der Anwesenden enthauptet. Ihr einziges „Glück“ in diesem Moment war, dass es dem Scharfrichter jeweils mit einem Schlag gelang, den Kopf vom Hals zu trennen. Bei Hinrichtungen jener Zeit kam es oft vor, dass diese das Leiden der Verurteilten unnötig verlängerten: Ein Jahr zuvor hatte es sieben Axtschläge gebraucht, um in London den Duke of Monmouth hinzurichten, der gegen den englischen König opponiert hatte.[1] Post Mortem wurden die Leiber Jastrams und Snitgers ausgeweidet, gevierteilt und die Schädel zur Mahnung über dem Millerntor und dem Steintor aufgehängt.

Wie war es soweit gekommen? Die Ursache für das politische Handeln von Jastram und Snitger lag in spezifischen strukturellen Problemen der Stadtrepubliken der Frühen Neuzeit begründet. Auch in Reichsstädten wie Frankfurt gab es wenige Jahre darauf Unruhen,[2] von den immer wiederkehrenden Konflikten in den nahegelegenen niederländischen Handelsmetropolen ganz zu schweigen. Der Streit innerhalb Hamburgs hatte sich dabei zu einer Angelegenheit von europäischer Dimension zugespitzt.

 

Es gärt in Hamburg

Die Hansestadt stand nicht nur im Innern vor der Zerreißprobe; ebenso kompliziert war die außenpolitische Situation. Hamburg lag im Spannungsfeld der geopolitischen Machtfelder jener Zeit: Nördlich der Stadt, die damals etwa 60.000 Einwohner hatte, lag das selbstbewusste Herzogtum Schleswig-Holstein-Gottorf, das wiederum an Dänemark angrenzte. Nicht zu vergessen ist auch die Präsenz Schwedens im Nord- und Ostseeraum: Dieser Staat besaß im 17. Jahrhundert den Rang einer europäischen Supermacht. In Personalunion regierten die schwedischen Könige auch das Herzogtum Bremen-Verden. Des Weiteren pflegten Hamburgs Würdenträger gute Kontakte zum Herzog von Lüneburg-Celle.

Die Erhebung Hamburgs zur Freien Reichsstadt durch Kaiser Maximilian im Jahre 1510, wurde vom Hof in Kopenhagen weiterhin nicht anerkannt. Dies änderte sich auch nicht, als das Reichskammergericht in Wetzlar 1618 diesem Vorgang erneut seine legale Grundlage  bestätigte. Aus dänischer Sicht war Hamburg nach wie vor integraler Bestandteil des Herzogtums Holstein, das in Personalunion mit der Krone Dänemarks verbunden war.

Im Innern Hamburgs traten Risse in Gesellschaft und Politik offen zu Tage. Das politische System der Stadt setzte sich aus Senat und Bürgerschaft zusammen, wobei die Mitgliedschaft in letzterer vererbt wurde. Die Zusammenarbeit beider lief in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts immer schlechter ab, spätestens seit 1665 war dieser Konflikt offensichtlich, als die Bürgerschaft erstmals in Petitionen gezielt Fehler des Senats benannte. Hauptkritikpunkt am Senat waren dessen Alleingänge bei politischen Entscheidungen, Vetternwirtschaft und die Aushöhlung der Rechte der Bürger.[3] Dieser Kampf fand zunächst nur in Debatten und Publikationen statt, wurde aber immer greifbarer, je mehr sich die Krise verschärfte. In dieser Phase betraten nun Cord Jastram und Hieronymus Snitger die politische Bühne.

 

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Belagerung Hamburgs durch Dänische Truppen 1686 / Kupferstich, Museum für Hamburgische Geschichte / Foto: McKarri

Zwei Revolutionäre auf dem Weg nach oben

Die Lebenswege der beiden Männer sind heute nicht mehr eindeutig nachvollziehbar, doch waren diese von denselben politischen und ökonomischen Umständen geprägt wie die ihrer hanseatischen Zeitgenossen. Jastram und Snitger hatten bereits seit mehreren Jahren beruflich und politisch miteinander kooperiert. Jastram schickte erfolgreich Walfangflotten auf Nordmeerfahrt, Snitger pflegte Handelskontakte in den Mittelmeerraum.

Nach längerer unauffälliger Mitarbeit in den Gremien der Stadt stiegen sie zu den Wortführern der Popularen auf, jener Parteiung, die sich für eine stärkere Einbeziehung der Bürger in den politischen Entscheidungsprozess einsetzte.[4] Ihre Gegenspieler und deren Anführer machten es ihnen leicht, neue Anhänger zu gewinnen: Bürgermeister Heinrich Meurer galt als arrogant, unnahbar und tief verstrickt in illegale Machenschaften. Seinen Mitbürgern gegenüber war er äußerst misstrauisch und sicherte sich in einem Vertrag mit dem Herzog von Lüneburg-Celle sogar militärische Hilfe von außerhalb zu, falls es in Hamburg zu Unruhen käme.[5]

Im Jahr 1684 wagte die Gruppe der Popularen den entscheidenden Schritt. Unter Federführung Snitgers und Jastrams wurde ein Rat der 30 aus der Taufe gehoben, der dem Willen der Bürgerschaft zusätzlichen Nachdruck verschaffen sollte. Die Arbeit dieses Rates wurde von den alteingesessenen politischen Akteuren geradezu dämonisiert.

In Pamphleten hieß es, die Bürger seien den angestammten Herren und letztlich dem Kaiser in Wien Gefolgschaft schuldig. Die offene Einbeziehung breiter Schichten der Bevölkerung in die Tagespolitik galt als gefährlich und leiste dem Aufstand Vorschub. Für Denker jener Zeit, die zumeist aus gehobenen Schichten stammten, war nichts verheerender als der Einfluss breiter Volksmassen auf das Gemeinwohl. Laut einem Pamphlet, das nach Entmachtung von Jastram und Snitger veröffentlicht wurde, sei es bekannt, dass „aus allzu grosser Freyheit des Volcks nichts als Unordnungen entstehen/ und gar leicht eine solche Unruhe erwecket wird/ welche nicht allein solche Democratische Regierung in den Grund zerstören/ sondern auch viele der Nachbahren in grosse Unruhe und Uneinigkeit untereinander verwickeln kann.“[6] Trotz aller Polemik erscheinen die Mitglieder des Rats der 30 weniger als frühdemokratische Sozialrevolutionäre, wie man heutzutage vielleicht annehmen möchte. Dennoch war ihnen an einer Aufweichung der politischen und sozialen Verhältnisse sehr gelegen.

In Pamphleten, wie dem zuvor Zitierten, hatte der Autor den Schuldigen für die weiteren Vorkommnisse ausgemacht: Die außenpolitische Eskalation als Folge einer Rebellion innerhalb der Hamburger Stadtmauern war denjenigen geschuldet, die den Aufruhr geschürt hatten. In letzter Instanz waren damit alle Bürger schuld, die sich Jastram und Snitger angeschlossen hatten.

Selten sind differenzierte zeitgenössische Urteile in dieser Angelegenheit zu finden. Eine Ausnahme bildet der kaiserliche Diplomat Haaro von Goedens, der erkannte, dass vor allem der Senat selbst sich durch seine Verfehlungen ins Abseits manövriert hatte. Das Handeln Snitgers und Jastrams gegen die Missetaten des Senats zeigten bald Wirkung: Der verhasste Bürgermeister Meurer hatte die Stadt unter Schimpf und Schande bereits 1684 verlassen und war nach Celle zum dortigen Herzog geflohen.

 

Von der hamburgischen Krise zu einer Krise europäischer Bedeutung

Angesichts der offenen Parteinahme des südlichen Nachbarn Lüneburg-Celle wandten sich die neuen Herren Hamburgs dem dänischen Nachbarn als Alliiertem zu. In Kopenhagen aber verfolgten der dänische König und seine Minister ein ganz anderes Ziel: Die Unterwerfung Hamburgs und seine Inkorporation in den dänischen Gesamtstaat. König Christians V. ließ derweil den anderen Mächten im Norden des Reiches gegenüber verlauten, es gehe ihm vornehmlich darum, in Hamburg „gegenwertige Irrungen zur Endschafft zu bringen.“[7]

Friedrich Wilhelm, der „Große Kurfürst“ von Brandenburg, versuchte als Stellvertreter einer bedeutenden protestantischen Macht noch zu vermitteln, doch auch er konnte Dänen und Lüneburger nicht an den Verhandlungstisch bringen. Bald marschierten dänische Truppen auf Hamburg vor und campierten zunächst in Altona. Als die dänischen Heerführer weitreichende Forderungen zu stellen begannen, erkannten Snitger und Jastram, dass sie auf das falsche Pferd gesetzt hatten.

Am 20. August 1686 nahm die dänische Artillerie die Hansestadt unter Feuer; erstes Ziel war die Ausschaltung der Festungsanlagen der Sternschanze, die exponiert vor der Stadt lagen. Dort verteidigten Hamburger Bürger die Festungsanlagen, die bald von 1.200 Musketieren und Dragonern aus Lüneburg-Celle unterstützt wurden – die Entsatztruppen des Herzogs. Letztere wurden in aller Eile vom Ratsmitglied Jacob Sylm unter Eid genommen und kämpften damit unter Hamburger Banner.[8]

Die zeitgenössischen Berichte zeichnen ein Bild verbissener Kämpfe zwischen den Angreifern aus dem Norden und den Verteidigern in Hamburg. Parallel zum Kampf zu Lande versuchten die dänischen Schiffe auch von der Elbe aus den Widerstand der Hamburger zu brechen.

Von einem schwer verwundeten lüneburgischen Soldaten erfuhren die Verteidiger auf der Sternschanze, dass die dänischen Truppen am Abend des 24. August bereits auf wenige Schritte an die äußersten Verteidigungslinien vorgerückt waren.[9] Weiter sollten sie auf diesem Feldzug nicht mehr gelangen.

Die Anzahl der Verteidiger wuchs beständig an, bald rückten auch Brandenburger Truppen in die Stadt ein, kurz nachdem Kurfürst Friedrich Wilhelm die Geduld verloren hatte. Nach zwei Wochen des Berennens der Schanzen zeigten die dänischen Truppen deutlich Ermüdung und König Christian V. befahl den Rückzug in Richtung Ottensen.

Ein teurer Preis für Hamburg

An den nun folgenden Verhandlungen waren Jastram und Snitger nicht mehr beteiligt. Im Zuge der Wirren der Belagerung waren die beiden Männer, „welche man biß dato vor redliche Patrioten gehalten/ gefänglich eingezogen/ und Sie eines Verraths beschuldiget“[10] worden.

Bei den anstehenden Gesprächen wurde den Hamburger Abgesandten nur eine Zuschauerrolle zugebilligt. Die auswärtigen Mächte lehnten eine direkte Beteiligung der Stadt an den Gesprächen ab. Hamburg galt als Hauptschuldiger, dessen Verantwortliche eine unnötige Krise provoziert hatten. Christian V. erreichte gar einen stattlichen Schadensersatz in Höhe von 300.000 Talern und die erneute Prüfung seiner Ansprüche auf Hamburg.

Ende Oktober waren sämtliche auswärtige Truppen aus Hamburg abgezogen. Der zuvor geflohene Bürgermeister Meurer übte blutige Rache: Jastram und Snitger wurden gefoltert und kurz darauf öffentlichkeitswirksam hingerichtet. Zahlreiche andere ihrer Anhänger mussten ins Exil gehen. Erst Meurers natürlicher Tod 1690 erlöste die Bürger Hamburgs von seinem strengen Regiment.

In den Jahren nach der Belagerung verblasste auf Zutun der politischen Kräfte der Stadt schnell die Erinnerung an die 1680er Jahre. Eine Memorik, die die Auflehnung gegen die alteingesessenen Eliten zum Ziel hatte, war nicht erwünscht. Viel lieber wurde an eine vermeintliche „Einheit“ der Stadt erinnert, die Grund für die erfolgreiche Abwehr der dänischen Truppen gewesen sei.

Zahlreiche Medaillen von Ende des 17. Jahrhunderts legen Zeugnis davon ab. Allegorisch wurde der Widerstand verklärt und die Tapferkeit der Hamburger Bürger hervorgehoben. Ein anschauliches Beispiel ist eine Prägung, die die Abwehr eines Elefanten zeigt. Dieser verkörpert dabei die dänische Macht, denn seit dem Spätmittelalter belohnten die dänischen Monarchen hohe Adlige mit der Aufnahme in den von ihnen gestifteten Elefantenorden.[11] Der Konflikt mit den dänischen Machthabern konnte aus Hamburger Sicht erst 1768 beigelegt werden, als im Gottorfer Vergleich Hamburg seine Unabhängigkeit zugesichert wurde.

Heute lassen sich keine Hinterlassenschaften mehr von Jastram und Snitger im Stadtbild finden, einziges Indiz sind die nach letzterem benannten Straßen Snitgerreihe und Snitgerstieg in Hamburg-Horn. Hamburgs konservativen Eliten des 18. und 19. Jahrhunderts gelang es somit nachhaltig, die Erinnerung an die beiden „Revolutionäre“ auszuradieren.

 

 

[1] Spencer, Charles: Blenheim. Battle for Europe, Phoenix 2005, S. 54.

[2] Martus, Steffen: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild, Berlin 2015, S. 161.

[3] Lindemann, Mary: The Merchant Republics. Amsterdam, Antwerp, and Hamburg, 1648–1790, New York 2015, S. 157.

[4] Berlin, Jörg: Bürgerfreiheit statt Ratsregiment. Das Manifest der bürgerlichen Freiheit und der Kampf für Demokratie in Hamburg um 1700, Norderstedt 2012, S. 98.

[5] Ebenda, S. 69.

[6] Hamburger Grossmüthigkeit bereuet ihre Undankbarkeit in einer Beschreibung, Hamburg 1686, S. 5 f.

[7] Endliche Declaration, So Ihro K. May. zu Dennemark … denen Churbrandenb. … Ministris … der Hamburg. Irrungen halben … zustellen lassen, Hamburg 1686, S. 1.

[8] Kurze Relation was sich in währender Berenung der Stadt Hamburg … zwischen Ihrer Königlichen Majestät von Dännemark und obgedachter Stadt begeben, 1686, S. 5.

[9] Ebenda, S. 9.

[10] Ebenda, S. 11.

[11] Fried, Torsten: Geprägte Macht. Münzen und Medaillen der mecklenburgischen Herzöge als Zeichen fürstlicher Herrschaft, Köln u.a. 2015, S. 188.

Literatur

  • Berlin, Jörg: Bürgerfreiheit statt Ratsregiment. Das Manifest der bürgerlichen Freiheit und der Kampf für Demokratie in Hamburg um 1700, Norderstedt 2012.
  • Fried, Torsten: Geprägte Macht. Münzen und Medaillen der mecklenburgischen Herzöge als Zeichen fürstlicher Herrschaft, Köln u.a. 2015.
  • Lindemann, Mary: The Merchant Republics, Amsterdam, Antwerp, and Hamburg, 1648–1790, New York 2015.
  • Martus, Steffen: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild, Berlin 2015.
  • Spencer, Charles: Blenheim. Battle for Europe, Phoenix 2005.

Quellen

  • Endliche Declaration, So Ihro K. May. zu Dennemark … denen Churbrandenb. … Ministris … der Hamburg. Irrungen halben … zustellen lassen, Hamburg 1686.
  • Hamburger Grossmüthigkeit bereuet ihre Undankbarkeit in einer Beschreibung, Hamburg 1686.
  • Kurze Relation was sich in währender Berenung der Stadt Hamburg … zwischen Ihrer Königlichen Majestät von Dännemark und obgedachter Stadt begeben, 1686.

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