Hamburgische Geschichten

Mittwoch

15

Juni 2016

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Aby Warburg: Ein Leben für die Kunst

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Geboren als Sohn einer jüdischen Bankiersfamilie in Hamburg, berühmt geworden als Reformer der Kunstgeschichte und Begründer der Kulturwissenschaft, gelitten an schweren Depressionen und Wahnvorstellungen – Aby Warburgs Leben hätte auch für drei gereicht. – Von Hannah Boeddeker

Am 12. Dezember 1933 verließ ein Schiff den Hamburger Hafen in Richtung London. Bis unters Deck drängten sich in Kisten eng an eng 85.000 „Emigranten“, die so dem sicheren Tod durch Verbrennen zu entkommen versuchten – es handelte sich um 60.000 Bücher und 25.000 Abbildungen. In dieser Nacht wanderten die Bestände der „Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg“ aus, um in der britischen Hauptstadt eine neue Heimat zu finden. Als „Warburg Institute“ später in die Londoner Universität eingegliedert, werden bis heute dort kunsthistorische Studien betrieben. Zum Zeitpunkt ihrer Emigration war die Kulturwissenschaftliche Bibliothek längst eine halb-öffentliche Bildungseinrichtung der Stadt Hamburg geworden, doch um ihre ganze Bedeutung zu verstehen, muss man bis in das Jahr 1878 zurückgehen.

Ein Handel unter Brüdern

Der damals 12-jährige Abraham Moritz Warburg, ältester Sohn einer jüdischen, traditionsbewussten Bankiersdynastie aus Hamburg stellte fest, dass es eine Sache gab, die ihn gar nicht interessierte: Wirtschaft. Stattdessen verschlang er alles, was er an geisteswissenschaftlicher Bildung finden konnte: Philosophie, Geschichte, und immer wieder Kunst. Doch nach dem in der Familie geltenden Erstgeborenenrecht war vorgesehen, dass er das Unternehmen übernehmen sollte. Um seinem Schicksal zu entgehen, schlug er seinem jüngeren Bruder Max einen Handel vor: Er, Aby, würde ihm das Erstgeborenenrecht abtreten und großzügig die Bankgeschäfte überlassen, sein Bruder müsste ihm im Gegenzug nur zeitlebens jedes Buch kaufen, das er haben wollte. Max willigte ein – und bezeichnete das als „Warburg-Legende“ in die Familiengeschichte eingegangene Gespräch später als „teuersten Blankoscheck seines Lebens“. Was Max nicht erahnen konnte: Bildung, Bücher und Kunst waren keine vorübergehende Liebelei für Aby, sie waren sein Leben. „Würden mehr Bücher gelesen werden, es würden weniger geschrieben werden“, pflegte er zu sagen. Der Bruder hielt der kostspieligen Abmachung Wort und finanzierte Abys „Sucht“, aus der die „Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg“ hervorging.

Zusammenhänge erkennen

Heute stehen Aby Warburgs Forschungsschriften, die ihn zu einem der bedeutendsten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts und zum Begründer der modernen Kulturwissenschaften machten, selbst in Bibliotheken. Ein Versuch, sein Werk und Wirken zu erklären, könnte so lauten: Es geht um Kontext. Um Interdisziplinarität. Darum, Zusammenhänge herzustellen, wo vorher noch keine erkannt wurden. Schon in seiner Dissertation begründete er eine Methode, welche bis heute bahnbrechend in der Kunstgeschichte ist: die Ikonografie. Professorin Karen Michels, die viel zu Warburg publiziert hat, formuliert es so: „Warburg konnte – und wollte – ein Bild nicht losgelöst von anderen Entwicklungen der entsprechenden Zeit betrachten. Für ihn musste man es im Bezugsrahmen der Politik, der Soziologie und der Philosophie der Epoche sehen.“ Erst dann würde sich die ganze Bedeutung und Symbolik eines Kunstwerkes offenbaren. Was heute also unter dem Schlagwort „Interdisziplinarität“ als selbstverständliche Forschungsmethode gilt, war damals eine echte Neuerung.

Ein anderes Beispiel: Warburg entwickelte die so genannte „Pathosformel“. Dahinter steckt die Idee, dass einige – nicht alle – Gesten und Mimik auf Bildern universelle Gültigkeit besitzen und somit epochenübergreifend bestimmte Gefühle vermitteln sollen. Zum Beispiel entdeckte er in Dürers Renaissance-Bildern Gesten aus der Antike wieder. Oder sein letztes, unvollendetes Werk, die „Mnemosyne“, benannt nach der griechischen Göttin der Erinnerung: Warburg sammelte nach jedem noch so kleinen Hinweis auf das Nachleben der Antike in der europäischen Kunst. Die Einzigartigkeit dieses Werkes: Warburg erweiterte dabei den Begriff des „Bildes“ um alltägliche Gegenstände wie Briefmarken, Werbeplakate, Postkarten und Zeitungsauschnitte. „Für Warburg hing Kunst keineswegs nur im Museum“, erklärt Michels. Sie lag quasi auf der Straße, hing an Litfaßsäulen und wurde tagtäglich produziert. So entstanden ganz beiläufig die Anfänge dessen, was sich heute als Kultur- und Medienwissenschaft studieren lässt. Warburgs innovative Ansätze beeindruckten die zeitgenössische Forschungswelt, mit dem Philosophen Ernst Cassirer entstand eine enge Freundschaft.

Jude, Florentiner, Hamburger

Natürlich gab es auch solche Kollegen, die Warburgs Arbeit als Exzentrik eines „jüdischen Privatgelehrten“, wie Michels sie zitiert, abtaten. Ironischerweise spielte für Aby selbst die Religion nie eine große Rolle – er heiratete ganz unverdrossen die Protestantin Mary Hertz. Die Ablehnung des jüdischen Glaubens und Kultur führte zu schweren Zerwürfnissen mit seinem konservativen Vater. Gerade eben hatte dieser sich erst zähneknirschend mit der Berufswahl seines Sohnes abgefunden: „Die Warburgs waren eine Familie, die Intellekt im Endeffekt dann doch sehr respektierten“, erklärt Michels. Zudem habe der Vater längst erkannt, dass Max sehr viel geeigneter für die Bankgeschäfte war. Wirklich aufgehoben und zugehörig fühlte sich Warburg statt im Judentum in der Stadt Florenz. Dort, im Epizentrum der Renaissance, verbrachte er mehrere produktive Jahre, welche ihn, ebenso wie seine längeren Reisen durch die USA, zu neuen Arbeiten inspirierten. „Jude von Geburt, Florentiner im Herzen, Hamburger vom Geist her“, so beschrieb Warburg sich selbst. Im Jahr 1902 kehrte er in seine Heimatstadt zurück.

Die ersten Jahre im hohen Norden zeichneten sich durch ein großes Engagement Warburgs im Bildungswesen aus: Gemeinsam mit seinem Bruder warb er intensiv für die Gründung einer Hamburger Universität. Zu Max, der inzwischen durch geschickte Geldgeschäfte, Wirtschaftslehren und als Berater von Wilhelm II. Karriere gemacht hatte, pflegte Aby zeitlebens ein gutes Verhältnis. Nun wollten sie die Symbiose von Geist und Geld – so ihre Formulierung – nutzen, um Hamburgs Universitätsgründung voranzutreiben. „Es muss besser werden“, war ihre Antwort, wenn es um die „geistige Zahlungsfähigkeit“ der Stadt, wie Michels es ausdrückt, ging. Die Spende von 25.000 Reichsmark, die die Brüder gemeinsam mit ihrem Vater der Stadt für Bildungseinrichtungen spendeten, brachte Aby 1919 (als dann wirklich eine Universität gegründet wurde), ehrenhalber die Ernennung zum Professor ein.

Über den Tod hinaus

Doch ab 1914 wurde Warburg in seiner Arbeit gelähmt: Seit einer Typhuserkrankung in der Kindheit war er schon psychisch labil und wurde von Zeit zu Zeit von schweren depressiven Schüben geschüttelt. Nun verschlechterte sich seine Verfassung drastisch. Seine ohnehin diversen Zwänge wurden für seine Umgebung unerträglich: Er tyrannisierte diese und litt unter der Wahnvorstellung, verfolgt zu werden. Zeitweise geisterte er mit einer Pistole durch das Haus, mit der festen Absicht, sich und seine Familie zu erschießen, um ihnen Schlimmeres zu ersparen, sollten ihre Verfolger sie finden. Schlussendlich in die Psychiatrie eingeliefert, lautete die erste Diagnose Schizophrenie, bald korrigierte man jedoch auf „Manisch-depressiver Mischzustand. Prognose entsprechend, durchaus günstig“. Immerhin.

Und tatsächlich: Über die Jahre hinweg verbesserte sich Warburgs Zustand soweit, dass er mit der Arbeit an seinem „Mnemosyne“-Bildatlas beginnen konnte und 1924 aus der Klinik wieder entlassen wurde. Die letzten fünf Lebensjahre verbachte Warburg in seinem Haus in der Heilwigstraße, wo heute ein Teil des kunsthistorischen Seminars der Universität Hamburg untergebracht ist und regelmäßig Vorträge gehalten werden. Seine, wenn man so sagen kann, Genesung schrieb Aby vor allem den Gesprächen mit Freunden und Mitarbeitern zu, welche ihn regelmäßig aufsuchten und anregten. Einer dieser Männer war Fritz Saxl, ebenfalls Kunsthistoriker, ebenfalls interessiert an einer Erweiterung des klassischen Kunstbegriffes. Ab 1914 wurde er Leiter der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek und wandelte diese in eine öffentliche Bildungseinrichtung um, die er auch nach Warburgs Tod 1929 weiterführte. Ihm (und der finanziellen Unterstützung der Familie Warburg) ist es zu verdanken, dass sämtliche Inhalte der Bibliothek gerade rechtzeitig 1933 außer Landes gebracht wurden. Saxl, ein gebürtiger Wiener, wanderte zusammen mit den Büchern aus und wurde in London erster Direktor des „Warburg Institutes“.

Warburg_Haus

Das Warburg-Haus in der Heilwigstraße 116 in Hamburg / Foto: UHH,RRZ MCC, Mentz#14

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