Hamburgische Geschichten

Sonntag

12

Juni 2016

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Ausstellung: „Frauen an Bord – Eroberung einer Männerdomäne“

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Die Geschichte der Seefahrt ist häufig die Geschichte großer Männer. Das Internationale Maritime Museum in Hamburg hat sich mit der Sonderausstellung „Frauen an Bord – Eroberung einer Männerdomäne“ das Ziel gesetzt, mit diesem Bild zu brechen und den Blick auf die Frau als Kapitänin, Piratin oder Reederin zu lenken. – Von Luis Rebelo da Costa

Wellen türmen sich vor dem Schiff auf. Mit einem ungemeinen Getöse brechen sie am Bug. Der Wind peitscht über das Schiff und lässt die Planen über der Ladung aufflattern. Gischt und Nebel lassen keine 30 Meter weit blicken. Der Lärm des Windes und der Wellen scheint Einem jeden klaren Gedanken zu nehmen. Mitten in dieser nassen Hölle, hält eine Handvoll Seemänner dem Sturm stand. Mit eiserner Kraft bringen sie das Schiff sicher durch den Sturm.
Diese Geschichte mutet altmodisch an und ist dennoch vertraut, denn das mediale Bild der Seefahrt sieht heute häufig noch genau so aus: Unberechenbare Naturgewalten verlangen Heldentaten, Kraft und Willensstärke. Kurzum: Die See sei kein Ort für die Frau. Nur in wenigen Erzählungen hätte eine Frau dieses Schiff aus dem Unwetter geführt. Zweifelsohne gibt es sie jedoch, die weibliche Seite der Seefahrt. Das Internationale Maritime Museum in der Hamburger HafenCity macht mit der Sonderausstellung „Frauen an Bord – Eroberung einer Männerdomäne“ auf diese Lücke in der Geschichtsschreibung der Seefahrt aufmerksam.

Großes Thema, kleiner Raum

Die Sonderausstellung befindet sich im ersten Stock des Museums. Der Raum ist nicht sonderlich groß, profitiert aber vom szenischen Konzept des Hauses: Wie im restlichen Museum ist das Licht gedimmt und die knarzenden Bodendielen vermitteln das Gefühl, sich über die Planken eines Schiffes zu bewegen.
Einzelne Lichtkegel strahlen auf die Vitrinen und Informationstafeln im Zentrum des Raums. An den Wänden sind einzelne Porträts von Seefahrerinnen in Szene gesetzt. Die Ausstellung ist sehr übersichtlich aufgebaut und eher minimalistisch gehalten.
Dennoch wird versucht, einen weiten Bogen zu spannen: Von den Seefahrerinnen der Antike bis hin zur Gegenwart. Dabei kann es das Museum nicht leisten, die Geschichte der seefahrenden Frauen in Gänze abzubilden. Stattdessen rücken Einzelbeispiele in den Fokus. Etwa die Geschichten der Befehlshaberin Teuta von Illyrien, welche gegen die Römer kämpfte, und Laskarina Bouboulinas, eine griechische Freiheitskämpferin und Nationalheldin aus dem 19. Jahrhundert.
Verschiedene Exponate – Schiffsmodelle, Schriftstücke, Uniformen – unterstützen das Erzählte visuell, können aber nicht die Leerstellen auffangen, die durch diese schlaglichthafte Darstellung entstehen. So muss sich der Besucher spezifische Informationen, wie beispielsweise den Prozess der Selbstbehauptung der Seefahrerinnen in den verschiedenen Zeiten, mühsam selbständig zusammensuchen. Es bleibt der Wunsch nach mehr Substanz und einer dichteren Geschichte.

  • Bilder der Ausstellung: Diese Foto zeigt Ksenija Maslova vom Hamburger Lloyd / Foto: Hamburger Lloyd

Stille Pionierinnen

Was die Ausstellung dennoch fesselnd macht, sind die Lebensgeschichten von Frauen wie Helga Ferchau-Rieck: Als Seefunkerin erfüllte sie sich ihren Traum und fuhr als einzige Frau auf einem Schiff viele Jahre zur See. Neben berüchtigten Piratinnen und heldenhaften Kämpferinnen räumt das Museum auch Frauen einen Platz ein, die bislang unbeachtet von der Geschichte geblieben sind. Die Ausstellung würdigt damit die stillen Pionierinnen, die einen wichtigen Beitrag für die Etablierung der Frauen in der Seefahrt leisteten und somit seefahrende Frauen von dem Stigma eines Kuriosums befreiten.
Dazu trägt auch der Abschnitt über die Frauen in den Marinen der Welt bei. Gezeigt werden unter anderem beeindruckend intensive Bilder von Kadettinnen auf dem deutschen Segelschulschiff „Gorch Fock“.

Die Ausstellung hat auf der visuellen Ebene viel zu bieten, wie eine Vielzahl von ausgewählten Abbildungen starker Frauen zeigt. Mit diesen eindrucksvollen Bildern und spannenden Geschichten kommt die Ausstellung der Aufgabe nach, dem Besucher nahezubringen, dass auch Frauen Teil der Geschichte der Seefahrt waren und sind.
Dennoch hat die Ausstellung den Charakter eines geschichtswissenschaftlichen Appetithäppchens – das volle Potenzial dieses Themas ist noch lange nicht ausgeschöpft. Fraglich ist auch, ob eine Sonderausstellung zur Rolle der Frau in der Seefahrt die richtige Botschaft vermittelt und eine Einbettung in die Dauerausstellung des Museums diesem Aspekt nicht besser gerecht werden würde.
Nichtsdestotrotz lohnt sich der Besuch der Sonderausstellung „Frauen an Bord – Eroberung einer Männerdomäne“, wie auch des gesamten Museums. Alleine schon wegen der knarzenden Dielen.
Die Sonderausstellung ist im Eintrittspreis des Museums enthalten. Die Ausstellung wurde verlängert und kann noch bis zum 03. Juli besucht werden.

 

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