Hamburgische Geschichten

Donnerstag

19

Mai 2016

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Kirschblütenfest in Hamburg: Ausdruck einer historischen Verbindung

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In der Nacht des 20. Mai leuchtet der Hamburger Himmel wieder in strahlenden Farben: Anlass ist das japanische Kirschblütenfest, bei dem sich die japanische Gemeinde Hamburgs seit nun mehr als 40 Jahren mit einem beeindruckenden Feuerwerk bei der Hansestadt für ihre Gastfreundschaft bedankt. Doch die Beziehung reicht noch viel weiter zurück. – Von Alexander Munz

Der Hamburger Hafengeburtstag ist gerade erst vorbei, da hält die Hansestadt eine weitere Attraktion für Anwohner und Touristen bereit: Mit einem Feuerwerk über der Außenalster wird am Abend des 20. Mai das wohl größte Kirschblütenfest Deutschlands eingeläutet.
Bereits seit 48 Jahren werden mit diesem Fest die deutsch-japanischen Beziehungen in Hamburg gefeiert. Die japanische Gemeinschaft Hamburgs sowie die hier ansässigen Unternehmen setzten im Jahr 1968 ein Zeichen der Beständigkeit und Verbundenheit: Sie spendierten, auf Anregung des damaligen japanischen Konsuls Tani, der Hansestadt knapp 5000 Japanische Blütenkirschbäume. Der Geschichte nach stand jeder Baum für einen japanischen Einwohner Hamburgs – das Generalkonsulat konnte auf Anfrage diese Version aber nicht bestätigen. Seit der Pflanzung findet einmal jährlich im Mai das Kirschblütenfest statt, das inzwischen zu einer Hamburger Frühlingstradition geworden ist.

Anders als bei der Jubiläumsfeier im Hafen verbirgt sich hinter dem japanischen Fest in Hamburg eine tiefere Bedeutung: Es ist ein Zeichen der Japaner an Hamburg und drückt den Dank der japanischen Gemeinde für die Gastfreundschaft der Stadt aus. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie die Verbindung zwischen der Hansestadt und Japan entstand.

  • Kirschblüte an der Alster (Archivbild): Über 5000 Kirschbäume hat die japanische Gemeinde der Stadt Hamburg seit den sechziger Jahren geschenkt / Foto: Fotolia / Marco D. Brockmann

(Für eine Großbildansicht bitte in die Bildmitte klicken)

Anfang einer langen Beziehung

Im Jahr 1859 machte sich der Düsseldorfer Geschäftsmann Louis Kniffler auf, um das erste deutsche Unternehmen auf japanischem Boden zu gründen. Er schuf damit Historisches. Das Land war zuvor durch eine strenge Abschließungspolitik nahezu isoliert gewesen. Erst die erzwungene Öffnung des Landes durch amerikanische Flotten ermöglichte es anderen Ländern, wirtschaftliche Interessen in Japan zu verfolgen. Mit dem Bau seines Handelshauses „L. Kniffler & Co.“ war Kniffler der erste, der diese Chance ergriff.

Louis Kniffler schuf mit seinem diplomatischen sowie geschäftlichen Geschick das Fundament für eine deutsch-japanische Beziehung: Nur zwei Jahre nach seiner Pionierarbeit unterzeichneten Preußen und Japan in Edo, dem heutigen Tokio, einen Freundschafts- und Handelsvertrag. Dieser war aus der preußischen Ostasienexpedition hervorgegangen. Später folgten Abkommen mit dem Norddeutschen Bund, zu dem auch Hamburg gehörte. Kurze Zeit darauf wurde Kniffler preußischer Konsul in Japan.

So berichtet es Erich Zielke in seinem Artikel „Konsul Louis Kniffler – Der Pionier des deutschen Japanhandels“, der 1980 in der „Zeitschrift für Unternehmensgeschichte“ erschienen ist. Dabei sieht er Kniffler als Initiator der deutsch-japanischen Beziehung und die Gründung seines Unternehmens als „Beginn eines regelmäßigen Handelsverkehrs“.

Was sich wie der Beginn einer Freundschaft liest, stellte sich zunächst allerdings anders dar: „Die gemachten Abkommen bevorteilten Preußen und später auch den Norddeutschen Bund deutlich. Die Japaner nahmen die westlichen Handelsleute als Eindringlinge wahr, erst in der Folgezeit bildete sich ein gemeinsamer Nutzen für die Parteien“, fügt Zielke an.

Der Aufschwung Japans

Die gewaltsame Öffnung des Landes zog eine Neustrukturierung Japans nach sich. Im Jahr 1868 begann die Meiji-Zeit. Die derzeitigen Machthaber hatten erkannt, dass Japan den westlichen Großmächten in seiner Entwicklung hinterher hinkte. Es folgte eine Reihe von Reformen. Diese sollten dazu beitragen „den Westen einzuholen“, wie es der Japan-Experte Florian Coulmas in einem 2011 erschienen Spiegel-Interview beschrieb.

Dabei wurde der neue Handelspartner zum Vorbild: das Deutsche Reich unter Bismarck. Das Militär wurde aufgerüstet, das Bildungssystem reformiert, selbst die Verfassung wurde geändert. Alles nach deutschem Vorbild. Japan entwickelte sich in der Folge von einem rückständigen Feudalstaat zu einer respektieren Führungsmacht in Ostasien.

In diesen grundlegenden Wandel war auch Hamburg als Wirtschaftspartner involviert. Während die Hamburger schon länger auf einen intensiveren Handel gepocht hatten, erkannten die Japaner jetzt auch die gute Position des Hamburger Hafens als wirtschaftliche Drehscheibe in Europa. In Folge dessen bauten sie ihre Handelsbeziehungen mit der Hansestadt weiter aus.

Als Zeichen des mittlerweile verstärkten Kontaktes wurde im Jahr 1883 das japanische Konsulat in Hamburg gegründet. Dem war drei Jahre zuvor ein weiteres Ereignis vorausgegangen: Im Jahr 1880 stieg Louis Kniffler aus seinem Unternehmen aus und übergab die gesamte Geschäftsleitung an den Kaufmann Carl Illies, der das Unternehmen in „C. Illies & Co.“ umbenannte. In der „Neue Deutsche Biographie“ ist vermerkt, dass Illies in Hamburg eine Zweigniederlassung eröffnete, die er im Jahr 1898 schließlich zum Hauptsitz machte. An den Niederlassungen in Japan änderte sich dabei nichts, der Handel blieb unverändert bestehen. Bis heute gilt das Unternehmen als führendes Japan-Handelshaus.

Nach weiterer Intensivierung der Handelsbeziehungen zwischen Japan und Hamburg, deren hauptsächlicher Austausch über den Hamburger Hafen stattfand, wurde 1910 das japanische Konsulat in Hamburg zum Generalkonsulat. Zudem ging 1914 aus dem ehemaligen Kolonialinstitut das Afrika-Asien-Institut hervor, das mit seiner Arbeit den wissenschaftlichen Diskurs der beiden Partner förderte. Dann aber geriet die Entwicklung ins Stocken, der Erste Weltkrieg stand bevor.

Annäherung der Kulturen

Schon kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs kühlte sich das Verhältnis ab: Spätestens nach dem unbeantworteten Tsingtau-Ultimatum von Japan an das deutsche Kaiserreich hatte die Beziehung einen tiefen Riss erhalten. Dieser definierte die Beziehung im Ersten Weltkrieg maßgeblich. Trotz der feindlichen Haltung zur Kriegszeit fanden in der Nachkriegszeit bereits erste diplomatische Annäherungen statt. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs reduzierte sich der Austausch jedoch schnell auf militärischen Absprachen. Vollkommen näherten sich die einstigen Partner erst im Zuge des Wiederaufbaus wieder an. So die Kurzfassung der Kriegsjahre, wie es Dr. Rolf Mützenich (Vorsitzender der Deutsch-Japanischen Parlamentariergruppe des Bundestages) 2011 in einer Rede zum 150-jährigen Bestehen der deutsch-japanischen Beziehungen zusammenfasste.

Im Jahr 1960 wurden die Deutsch-Japanische Gesellschaft zu Hamburg (DGJ) und die japanische Gemeinschaft Hamburg (Nihonjinkai e.V.) gegründet. Sie verfolgten das Ziel, den deutsch-japanischen Dialog wieder zu intensivieren. Dieser beruhte immer noch vorrangig auf einer wirtschaftlichen Basis – Japaner in Hamburg waren vorwiegend Geschäftsleute.

Ändern wollte das Carl Illies gleichnamiger Sohn, Carl Illies Junior. Dieser stand durch das Unternehmen seines Vaters seit Jahren mit Japan in Verbindung und hatte durch Reisen die japanische Kultur kennen und schätzen gelernt. Er ließ sich zum Vorstand der Deutsch-Japanischen Gesellschaft zu Hamburg wählen und eröffnete damit Möglichkeiten zum bisher vernachlässigten kulturellen Austausch.

Während der Austausch der Kulturen also etwas Anschwung benötigte, blühten die wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Partner weiter auf. In Japan setzte mit dem Wiederaufbau ein enormes Wirtschaftswachstum ein. Der Inselstaat war mittlerweile zu einer echten Wirtschaftsmacht geworden.

Im Zuge des Aufschwungs nutzten einige japanische Unternehmen ihre Chance und expandierten ins Ausland. Im Jahr 1962 eröffnete Panasonic eine Niederlassung in der Hansestadt, ein Jahr später folgte Olympus. Beide Unternehmen gehören heute zur Weltspitze der Technologie-Industrie und bieten zusammen mit knapp 100 weiteren japanischen Unternehmen 6000 Menschen in Hamburg Arbeit. Die Gründung der Niederlassungen dürfte einen erheblichen Teil zum kulturellen Austausch von Hamburgern und Japanern beigetragen haben. „Die Konzerne zogen Japaner nach Deutschland, in den Büros arbeiteten beide Kulturen zusammen“, erinnert sich die japanische Konsulin Fumie Maruyama. Auch außerhalb der Arbeit näherten sie sich langsam an.

Japan in Hamburg

Japaner hielten sich in der Folge nicht nur mehr in Hamburg zu Geschäftsreisen oder Verhandlungen auf, sondern arbeiteten und lebten hier. Das sollte sich auch im Stadtbild bemerkbar machen. Hatten die Hamburger gerade die Gerichte der türkischen und italienischen Gastarbeiter kennengelernt, kamen nun noch weitere Spezialitäten wie Sushi und Tempura dazu. Das erste japanische Restaurant wurde an den Colonnaden eröffnet. Und auch im Bereich der sportlichen Freizeitgestaltung bekam der Hamburger weitere Alternativen geboten. War er vorher noch „mit’n Dassel op`n Kantsteen“ gerasselt, konnte er sich nun im Beschreiten des „sanften Weges“ probieren: Im Jahr 1968 öffnete mit dem Alster-Dojo die erste Schule, die das traditionelle Judo in Hamburg lehrte.
Carl Ilies Junior, der im Jahr 1966 verstarb, hätte diese Entwicklung sicherlich mit Freude betrachtet – ebenso den Beginn des Hamburger Kirschblütenfestes. Noch heute lassen sich in einigen Teil der Stadt die rosa blühenden Bäume entdecken. Rund um das Alsterufer, die Kennedybrücke, die Alsterkrugchaussee und den Altonaer Balkon sind sie vor mehr als 40 Jahren gepflanzt worden. Seitdem zeigen sie alljährlich ihre Pracht.

Gemeinsam in die Zukunft

Die Geschichte der Beziehung sollte damit aber nicht abgeschlossen sein. Das Jahr 1989 ist der Ausgangspunkt für die Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Osaka. Mit dem Bund der beiden Städte hielt die japanische Kultur auch deutlicher als zuvor Einzug in die architektonische und landschaftliche Gestaltung Hamburgs. Als Zeichen der kulturellen Verbundenheit entwarf der japanische Landschaftsarchitekt Yoshikuni Araki im Jahr 1988 ein Konzept für einen japanischen Garten, der trotz seiner traditionell strengen Gestaltung geschmeidig in die Parklandschaft Planten un Blomen integriert worden ist. Nur drei Jahre später folgte die Hafenpartnerschaft mit Yokohama.

Auch in Zukunft soll die kulturelle Verständigung weiter ausgebaut werden. Der seit Jahren stattfindende Austausch Hamburgs und Japans in den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft bildet die Grundlage dafür. Knapp 2400 Japaner leben derzeit in Hamburg, etliche Veranstaltungen und Kulturprogramme finden jedes Jahr statt. Dabei lassen sich fast überall in Hamburg Einblicke in die japanische Kultur gewinnen. Das Kirschblütenfest mit dem anschließenden Kulturtag ist nur eine Chance dazu.

Das Kirschblütenfest findet in diesem Jahr am 20. und 21. Mai in Hamburg statt. Am Freitagabend um 22.30 Uhr kann das Feuerwerk an der Außenalster bestaunt werden. Im Anschluss richten am 4. Juni die Abteilung Sprache und Kultur Japans der Universität Hamburg, das Japanische Generalkonsulat, die Deutsch-Japanische Gesellschaft zu Hamburg sowie das Bezirksamt Hamburg-Mitte ein Japan-Festival aus, das ein vielfältiges Programm bereithält. Vom 8. Bis 12. Juni können Japan-Interessierte in Hamburg zudem das Japan-Filmfest besuchen.

In Japan gehören die Kirschblütenfeste zu der festen Tradition des „Hanami“, was so viel bedeutet wie „Blüten betrachten“. Zwischen Ende März und Anfang Mai lassen im ganzen Land die prächtigen Blüten der japanischen Kirschbäume bestaunen. Knapp zehn Tage lang entfaltet sich die Kirschblüte in einer Gegend, dann wandert sie weiter in die nächste Region. Dieses Phänomen wird als "Kirschblütenfront" bezeichnet. Zu diesem Anlass treffen sich Japaner im ganzen Land unter den Kirschbäumen, um gemeinsam die Schönheit der Blüte zu feiern: Schon morgens beginnen sie damit die besten Plätze in den Parks zu reservieren. Während der Festtage sitzt man gemütlich beisammen, speist und trinkt. Nicht selten wird dabei auch ordentlich gefeiert - Sake und Bier gehören mittlerweile zur Grundausstattung.
Die Kirschblüte selbst nimmt in der japanischen Kultur eine besondere Stellung ein. Sie wird mit Schönheit, Aufbruch und Vergänglichkeit verbunden. Auch in alten japanischen Traditionen findet sie sich wieder: Nach nur kurzer Zeit des Erblühens fällt die Blüte in vollendeter Schönheit. Die Samurai sahen das als Beispiel für einen jungen, würdigen Tod.

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