Hamburgische Geschichten

Sonntag

29

Mai 2016

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St. Pauli: Eine katholische Kirche auf Hamburgs sündigster Meile

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Die katholische Pfarrei St. Joseph liegt in einer ungewöhnlichen Umgebung: Mitten auf der Großen Freiheit, gleich neben der Hamburger Reeperbahn. Das barocke Gotteshaus bildet einen starken Kontrast zum Transvestitenstrich, zu Stripclubs und Bars. Ein Gespräch mit der Gemeindereferentin Evelyn Krepele zeigt, wie diese bemerkenswerte Nachbarschaft zu Stande kam. – Von Lisa Büntemeyer

„Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name…“, klingt es durch die hohe Kirchenhalle. Nur fünf Menschen besuchen an diesem Donnerstagnachmittag den Gottesdienst in der katholischen Pfarrei St. Joseph. Evelyn Krepele ist eine von ihnen. Die Zeremonie ist ein Zur-Ruhe-kommen, wie es nur wenige Meter entfernt nicht denkbar ist. Direkt vor der schweren metallenen Kirchentür offenbart sich eine ganz andere Welt: Hier verlaufen die Große Freiheit, eine der bekanntesten Amüsiermeilen Deutschlands, und die Schmuckstraße – Hamburgs Transvestitenstrich.

Tagsüber ist es hier ruhig

Es sind ungewöhnliche Kontraste, die an Evelyn Krepeles Arbeitsplatz aufeinandertreffen. Denn sie ist die Gemeindereferentin der katholischen Pfarrei auf der Großen Freiheit in St. Pauli: Eine Kirche in einer Straße, die jeden Abend hunderte, wenn nicht gar tausende Touristen anlockt und den Ruf als eine der sündigsten Flaniermeilen des Landes hat. Evelyn Krepele stört das kaum: „Tagsüber habe ich einen sehr ruhigen Arbeitsplatz. Nur eben abends nicht.“ Dann füllen sich die Bars, wie die Karaoke-Bar „Thai Oase“ und die „Große Freiheit 36“, auf die die Gemeindereferentin aus ihrem Bürofenster blickt. In der Kirche ist von dem Trubel der Partymeile nichts zu spüren, das Innere ist ein Ort der Ruhe. Die Decke, Wände und der Altar sehen marmorn aus, sind aber tatsächlich nur kunstvoll marmoriert gestrichen. Der weiße Boden und die Bänke sowie hellrosa und grüne Bögen an den Wänden strahlen eine friedliche, beruhigende Atmosphäre aus. Der goldbraune Hochaltar, vor dem Pfarrer Karl Schultz während des Gottesdienstes an diesem grauen Donnerstagnachmittag steht und betet, fängt die Blicke in der weißen Halle. Ein Gemälde in der Mitte des Altars zeigt den überlebensgroßen Johannes den Täufer kurz vor seiner Enthauptung. Wie es für katholische Kirchen Tradition ist, hängen an den Seitenwänden 14 Bilder, welche den Kreuzweg Jesu zeigen. In einer Ecke neben dem Eingang befindet sich ein Marienbild.

  • Die Kirche St. Joseph auf St. Pauli: Gut versteckt im Vergnügungsviertel / Foto: Hamburgische Geschichten

(Für eine Großbildansicht bitte in die Bildmitte klicken)

Die Krypta unter der Kirche zeigt ihre Vergangenheit

Mit der Gabe der Kommunion endet die Heiligen Messe. Pfarrer Schultz verabschiedet die wenigen Anwesenden. Die Gemeindereferentin verlässt die Kirche, läuft vorbei an einer Gruppe von Touristen, die einem Stadtführer lauschen, in die Krypta unterhalb der Kirche. Hier werden Funde von Grabungen aufbewahrt, beispielsweise alter Schmuck, aber auch etliche Totenschädel und Knochen im sogenannten Beinhaus. Die menschlichen Überreste stammen von einer Gruft und einem Friedhof, die sich früher unter beziehungsweise rund um die Kirche befanden. Anhand eines Zeitstrahls an der Wand beginnt die Referentin die Geschichte der Gemeinde zu erklären: „Die Kirche ist wesentlich älter als die Meile“, sagt Evelyn Krepele. Im Jahr 1594 fand hier in der Stadt Altona, heute ein eingemeindeter Bezirk Hamburgs, der erste Gottesdienst statt. Seit der Reformation war Hamburg streng lutherisch, Abweichungen dieses Glaubens oder andere Religionen waren lange verboten, weshalb sich Andersgläubige vor der Stadt ansiedelten – wie auch auf der Großen Freiheit in Altona. Der Name der Straße, Große Freiheit, geht auf ein Privileg zur Ausübung der Religions- und Zunftfreiheit zurück, welches Händlern hier ab dem Jahr 1601 gewährt wurde. So siedelten sich neben Katholiken auch Menschen anderer, nicht lutherischer Konfessionen, wie die Mennoniten, in der Straße an.

Uneingeschränkte Religionsfreiheit ab 1658

Diese Glaubensfreiheit galt vorerst nur eingeschränkt: „Die Religionsfreiheit war zunächst auf drei Jahre befristet und musste anschließend immer wieder verlängert werden“, berichtet die Gemeindereferentin. Das änderte sich im Jahr 1658. Damals stand Altona unter dänischer Herrschaft. Der dänische König gewährte der Gemeinde unbefristete Religionsfreiheit, wie eine Urkunde bezeugt, deren Fotografie in der Krypta zu sehen ist. Daraufhin erwarb die Gemeinde ein Grundstück und baute die Kirche. „In der Stadt Hamburg hätte die Gemeinde ihre Kirche damals nicht errichten können, denn hier war der Bau von katholischen Kirchen nicht erlaubt“, erklärt Evelyn Krepele. „Weil Hamburg aber diplomatische Beziehungen zu katholisch geprägten Ländern pflegte, gab es kleine katholische Kapellen in diplomatischen Vertretungen, jedoch keine große Kirche wie in Altona.“ Vom heute religiös so vielfältigen Hamburg war damals nichts zu spüren. Evelyn Krepele geht weiter in Richtung Ende des Zeitstrahls. Abbildungen der bei Bränden und im Zweiten Weltkrieg zerstörten und immer wieder neu errichteten Kirche wechseln sich ab. Bis zum Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 waren Altona und Hamburg zwei eigenständige Städte gewesen. Hamburg konnte bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur über die Stadttore betreten oder verlassen werden. Da abends und nachts eine Torsperre galt, war sie zu diesen Zeiten nur gegen Zahlung passierbar. „Vor den Stadttoren amüsierte man sich“, sagt Evelyn Krepele. „Anfang des 19. Jahrhunderts gab es auf dem Spielbudenplatz auf der Reeperbahn Kirmesbuden und Tanz. Dann fiel die Torsperre von Hamburg. Dadurch entwickelte sich der ganze Stadtteil.“

In Hamburg gibt es heute über 90 religiöse Gemeinschaften. Darunter sind evangelische und orthodoxe Christen, christliche Freikirchen, die Zeugen Jehovas, Scientology und andere Gruppierungen, die als Sekten gelten. Sikhs, sowie verschiedenste muslimische, alevitische, buddhistische, hinduistische und jüdische Gemeinden. Sie machen die Stadt zu einer der religiös vielfältigsten Städte Deutschlands. Das war nicht immer so: Nach der Reformation war Hamburg streng lutherisch. Abweichungen von diesem Glauben – wie der Katholizismus – wurden zwischen den Jahren 1529 und 1785 allenfalls vor den Toren der Stadt geduldet. In der Stadt Altona siedelten im Jahr 1575 Mennoniten, die aus den damals katholischen Niederlanden geflohen waren. Hier konnten sie dank eines Privilegs zur Religionsfreiheit ihren Glauben frei ausüben. Innerhalb Hamburgs war dies damals nicht denkbar. Die Stadt Hamburg erkannte andere Religionen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts an. So wurde die erste deutsche Baptistengemeinde in den 1830er Jahren in der Neustadt gegründet. Zwei Jahrzehnte später folgte eine mormonische Gemeinde. Im Jahr 1860 verkündete die neue Hamburger Verfassung endgültig Religionsfreiheit. Auch nach der Verkündung der Religionsfreiheit setzten sich die Hamburger Bürger zunächst überwiegend aus Protestanten zusammen: Um 1880 waren über 92 Prozent der Bevölkerung evangelisch, 3 Prozent katholisch, 3,5 Prozent jüdisch und etwa 1 Prozent hatte einen andere Glauben. Heute (Stand 2009) sind nur noch etwa 30 Prozent der Hamburger evangelisch, 10 Prozent katholisch, 8 Prozent sind Muslime und 52 Prozent haben ein anderes oder gar kein religiöses Bekenntnis. Mehr als 700.000 der etwa 1,77 Millionen Hamburger  gehören damit einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Weiterhin leben etwa 140.000 Muslime in der Stadt.

Andere Gemeinden verlassen das Rotlichtviertel

Diese Entwicklung brachte den ungewöhnlichen Kontrast von Kirche und Rotlichtviertel hervor, wie er heute auf der Großen Freiheit zu finden ist. Mit Beginn des wachsenden Rotlichtmilieus zogen reformierte und mennonitische Gemeinden weg von der Großen Freiheit, nur die katholische Pfarrei St. Joseph blieb, wenn auch nicht ganz freiwillig: „1917 schrieb man einen Brief an den Bischof mit der Bitte, dass die Kirche aus diesem Milieu verlegt werden sollte, da man es für nicht mehr zumutbar hielt. Doch die Bitte wurde nicht erhört, sie durfte nicht verlegt werden“, erklärt Evelyn Krepele. Sie verlässt die Krypta. Von der Straße her sind laute Stimmen zu hören. Evelyn Krepele bleibt kurz vor der Backsteinfassade stehen. Über ihr, oberhalb des metallenen Eingangstores, sind, umringt von Engeln, Joseph und das Jesuskind in Stein gehauen. Vor ihr die große leuchtende Neongitarre der „Großen Freiheit 36“ und die nächsten Touristen, die an einer Kiezführung teilnehmen. „Ich glaube, das ist die ‚Beatles Tour’“, meint die Gemeindereferentin. „Auf vielen Stadtführungen wird über unsere Gemeinde Quatsch erzählt, absoluter Quatsch.“ Im Gemeindebüro angekommen ist es erstaunlich ruhig, obwohl die Fenster den Blick direkt auf den Partymeile lenken. Doch noch ist es erst kurz nach fünf Uhr, die Partytouristen werden erst gegen acht oder neun Uhr kommen.

Die zehn Gebote der Reeperbahn

„Wirkliche unangenehme Typen gibt es hier kaum“, meint Evelyn Krepele. Das einzige Problem sei, dass der Hof manchmal von Betrunkenen als Toilette benutzt werde. Um dem Abhilfe zu schaffen, gibt es vom Quartiersmanagement für Besucher der Reeperbahn die „Willkommenstüte Reeperbahn“. Auf ihr sind die „zehn Gebote von St. Pauli“ abgedruckt, eins davon lautet: „WC ist keine Kür sondern Pflicht, sonst pinkeln wir zurück.“ Passend dazu gibt es eine „Pinkelkarte“, eine Stempelkarte mit sechs Feldern. Sind diese für jeden Toilettenbesuch abgestempelt, gibt es als Belohnung einen „Rhabbischnaps“ in ausgewählten Bars gratis. Bonus: Wer über den Durst trinkt, kann die Willkommenstüte als Spucktüte benutzen – so lautet das zehnte Gebot. Evelyn Krepele findet diese Idee toll.
In wenigen Stunden wird die Straße nicht mehr ausschließlich von Stadtrundgängern aufgesucht werden, sondern auch von Junggesellenabschieden, Betrunkenen, Drag-Queens, partywütigen Menschen jeden Alters und  Angestellten, die laut ihre Bars anpreisen. Teilweise werden sie bis zum Morgengrauen in der „Thai Oase“ Karaoke singen, die „Olivia Jones Bar“ oder die „Ritze“ besuchen, Transvestiten für Sex in der Schmuckstraße bezahlen oder in das Hotel „St. Joseph“ einkehren – das mit der gleichnamigen Kirche übrigens rein gar nichts zu tun hat.

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