Hamburgische Geschichten

Sonntag

13

März 2016

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Ausstellung: Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg

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Das Unrecht geschah inmitten der Gesellschaft. Über 20 Millionen Menschen mussten zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und in den besetzten Gebieten Zwangsarbeit leisten. Auch in Hamburg wurden Zwangsarbeiter zu Hunderttausenden eingesetzt. Die Wanderausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ stellt erstmals die Geschichte dieses Verbrechens umfassend dar. – Von Marlen Sundermann

Nach Berlin, Moskau, Dortmund, Warschau und Prag macht die Wanderausstellung seit dem 5. November nun auch in Hamburg Station. In seinem dritten Obergeschoss präsentiert das Museum der Arbeit in Barmbek die Ausstellung, die von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora konzipiert und von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ initiiert und gefördert wurde. Während bei früheren Ausstellungen vor allem lokale Aspekte eine Rolle spielten, wird hier die Geschichte der NS-Zwangsarbeit erstmals umfassend dargestellt. Die Ausstellung gliedert sich in fünf Teile: die ideologischen Voraussetzungen um 1933, die Ausbeutung der Zwangsarbeiter in ganz Europa mit Kriegsbeginn, die massenhafte Verschleppung als billige Arbeitskräfte ins Deutsche Reich ab 1942 sowie die Befreiung und die erst späte Anerkennung der Zwangsarbeiter im Jahr 2000.

Bereits vor dem Krieg war Zwangsarbeit ein Teil des Systems

In der Ausstellung wird deutlich, dass Zwangsarbeit weit mehr als eine Begleiterscheinung von Krieg und Besatzungsherrschaft war. Bereits von Beginn des NS-Staates an war sie als Teil seiner rassistischen Gesellschaftsordnung ein Mittel zur Erniedrigung und Ausgrenzung.

Die Behandlung der Zwangsarbeiter richtete sich nach ihrer Stellung in der NS-Hierarchie: ganz oben standen arische Deutsche, gefolgt von Nord- und Westeuropäern; ganz unten befanden sich Polen, sowjetische Arbeitskräfte und schließlich Juden, Sinti und Roma. Die Kategorisierung in z.B. Fremdarbeiter, Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge hatte entscheidenden Einfluss auf ihre Existenzbedingungen und Überlebenschancen. Am meisten hatten jüdische Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene unter den auszehrenden Arbeitsbedingungen, Hunger und Misshandlungen zu leiden.

Fotos und andere Dokumente belegen das Unrecht

Beeindruckend ist vor allem die Präsentation der zahlreichen Fotos, die vergrößert und beleuchtet das Herzstück der Ausstellung darstellen. Sie vermitteln das ideologisch geprägte Verhältnis der Deutschen zu den Zwangsarbeitern, das sich in Szenen von Gewalt und Demütigungen manifestiert.
Es ist erschreckend, wie umfassend das begangene Unrecht alleine durch diese Bilder dokumentiert wurde: was haben sich wohl die vielen Fotografierenden angesichts dieser Szenen gedacht? Offenbar fehlte jegliches Unrechtsbewusstsein.

Immer wieder stößt der Besucher in der Ausstellung auf Fotos, die von Deutschen bei der antisemitischen Zeitschrift „Der Stürmer“ eingereicht wurden. Das Blatt betrieb Hetze zum Mitmachen: Wehrmachtssoldaten wurden zur Einsendung von Fotos aufgefordert, die zeigen sollten, wie sie Juden zum Arbeiten zwingen. „Juden lernen Arbeiten“ liest sich die Überschrift eines aus solchen Fotos entstandenen Artikels.

  • Ein deutscher Uniformierter schikaniert einen Juden im besetzten Polen, Herbst 1939. Ein Ausschnitt des Fotos wurde 1939 im „Stürmer“ veröffentlicht, darauf fehlen die Kinder, die am Rand stehen und zuschauen / Foto: Stadtarchiv Nürnberg/Signatur E 39 Nr. 1703/21

(Für eine Großbildansicht bitte in die Bildmitte klicken)

Neben den etwa 450 Fotografien werden auch mehr als 500 Dokumente wie Briefe, Tagebucheinträge, Protokolle, Geschäftsberichte von Firmen, KZ-Todeslisten und Propagandaplakate aus der Zeit des Nationalsozialismus präsentiert. Die Exponate stammen aus Privatsammlungen und Archiven in ganz Europa, Israel sowie den USA. Sie berichten von zahlreichen Einzelschicksalen, die durch die informativen Begleittexte in den Gesamtkontext eingeordnet werden können. Darüber hinaus kommen Zeitzeugen in zahlreichen Ton- und Videoaufnahmen selbst zu Wort. Der Besucher erhält einen bewegenden Einblick in die Geschichte der Zwangsarbeit und bekommt anhand der historischen Exponate eine umfangreiche Vorstellung von dem geschehenen Unrecht.

Zwangsarbeiterlager prägten das Hamburger Stadtbild

Ein kleiner Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit Hamburg. Auch am Beispiel der Hansestadt wird deutlich, dass Zwangsarbeiter und Lager zum Alltag der Deutschen gehörten. Die Lager überzogen Hamburg, wie fast jede andere deutsche Stadt, mit einem engmaschigen Netz. Es gab um die 1.500 Lager mit unterschiedlichen Unterkunftsbedingungen je nach Herkunft und Kategorisierung der Zwangsarbeiter: sie reichten von Privatquartieren über Sammelunterkünfte in Baracken und Sälen bis hin zu improvisierten Lagern in Fabrikhallen oder Scheunen.

500.000 Zwangsarbeiter, Männer, Frauen und Kinder, wurden in Hamburger Betrieben, auf Baustellen, in der Landwirtschaft, im Handwerk und in Privathaushalten eingesetzt. Vor allem in den Rüstungsbetrieben sollte der Arbeitskräftemangel durch die Zwangsarbeiter ausgeglichen werden. Dabei spielte der Hamburger Hafen mit seinen Werften eine zentrale Rolle. Zwangsarbeiter wurden auf Großwerften wie Blohm & Voss oder der Deutschen Werft für den Bau von Kriegsschiffen und U-Booten eingesetzt. Aus einem ausgestellten Vermerk über eine Besichtigung des KZ Neuengamme durch Blohm & Voss geht hervor, dass Mitarbeiter der Firma Häftlinge direkt im KZ aussuchen konnten.

Zwangsarbeit auch auf dem heutigen Museumsgelände

Mit dem Museum der Arbeit hat sich ein passender Ort für diese Ausstellung gefunden. Hier befand sich einer der beiden Hamburger Standorte der „New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie“, die mindestens 302 Zwangsarbeiter beschäftigte. Im Erdgeschoss des ehemaligen Fabrikgebäudes, in dem sich heute das Museum befindet, mussten 65 Arbeiterinnen in Zwölfstundenschichten Granatenrohlinge anfertigen. Im zweiten Stock befand sich ihre Unterkunft, das „Russinnenlager“.

Hier war auch Wera Kosejewa untergebracht, die im Juni 1942 mit nur 15 Jahren aus der Ukraine nach Hamburg verschleppt worden war. Bis zu ihrer Befreiung im Mai 1945 verbrachte sie die ganze Zeit in diesem Gebäude. Das kurze Stück von ihrer Unterkunft zur Arbeit wurde sie unter Bewachung geführt.

Für Gülay Gün, Projektleiterin der Hamburger Ausstellung, hat es eine besondere Bedeutung, die Geschichte von Wera Kosejewa erzählen zu können: „Ich glaube, es ist uns gut gelungen, die „New York Hamburger“ in die Ausstellung einzubringen. Ich fühle mich sehr verbunden mit diesem Ort und mit der Biografie von Wera Kosewa. Ich glaube, dadurch kann man ein sehr gutes Gefühl für das Geschehen bekommen, auch als Besucher.“

Insgesamt kommt der Bezug auf Hamburg im Rahmen der Ausstellung vielleicht ein wenig zu kurz. Das bedauert auch Gülay Gün: „Ich hätte gerne sehr viel mehr Dokumente und Fotos aus Hamburg gezeigt, aber an viele Quellen sind wir nicht mehr herangekommen. Es hat uns sehr viel Zeit und Kraft gekostet, bis wir endlich einen Stamm von Dokumenten hatten, aus denen wir Geschichten machen konnten. Es gibt viele Geschichten, aber nicht genug, die man zu Ende erzählen kann.“

Der Umgang mit der NS-Zwangsarbeit ist heute ein anderer

Am Ende der Ausstellung wird der „lange Weg zur Anerkennung“ der Zwangsarbeiter thematisiert. Offiziell wurde das Unrecht erst im Jahr 2000 in Deutschland anerkannt: Staat und Wirtschaft riefen die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ ins Leben, durch welche ehemalige Zwangsarbeiter finanziell entschädigt werden sollten. Allerdings erlebten viele von ihnen diese späte Anerkennung nicht mehr. Durch die Wanderausstellung, die am Ende in Weimar dauerhaft installiert werden soll, werden nun die Schicksale der ehemaligen Zwangsarbeiter über das im Jahr 2007 beendete Entschädigungsprogramm hinaus gewürdigt.

Nach Gülay Güns Einschätzung ist Zwangsarbeit heute kein kontroverses Thema mehr in Deutschland: „Weil viele der Leute, die damals von Zwangsarbeit profitiert haben, und viele der Opfer nicht mehr leben und weil die Entschädigungszahlungen auslaufen, kann man jetzt inzwischen auch relativ einfach über das Thema reden.“ Es gäbe zwar durchaus noch Diskussionen und Relativierungsversuche von Einzelnen, aber allgemein habe sich die Einsicht durchgesetzt, dass die meisten Firmen sehr stark profitiert haben und die Zwangsarbeiter nicht genug entschädigt worden sind. „Wir haben jetzt für den Hamburger Teil der Ausstellung großzügige finanzielle und ideelle Unterstützung von Firmen bekommen“, sagt Gülay Gün. „Vor 15 Jahren war es noch schwierig, in Firmenarchive zu kommen. Heute ist es sehr viel einfacher geworden. Die Firmen nutzen die eigene Aufklärungsarbeit auch fürs Marketing.“

Die sehenswerte Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ läuft noch bis zum 3. April. Durch die umfassende Darstellung der NS-Zwangsarbeit erhält der Besucher einen guten Überblick, der Katalog ermöglicht zudem eine individuelle Vertiefung. Viele bewegende Geschichten von Einzelschicksalen erleichtern dem Besucher den Zugang zum Thema. Die dichte fotografische Dokumentation der Verbrechen ist erschreckend und beeindruckend zugleich.

Informationen zur Ausstellung:
• Die Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ läuft noch bis zum 3. April 2016 im Museum der Arbeit (Wiesendamm 3, direkt am U-/S-Bahnhof Barmbek, Öffnungszeiten: Mo. 13–21 Uhr, Di.–Sa. 10–17 Uhr, So. 10–18 Uhr).
• Der Eintritt beträgt 7,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist der Eintritt frei.
• Die Ausstellung bietet ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen und Exkursionen
• Weitere Informationen zur Ausstellung und Begleitprogramm unter www.museum-der-arbeit.de und www.ausstellung-zwangsarbeit.org
• Der Katalog zur Ausstellung mit wissenschaftlichen Beiträgen zu den Hintergründen der Ereignisse, Fallgeschichten aus der Ausstellung und ca. 200 Abbildungen ist für 19,80 Euro erhältlich.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit unserer Autorin Nadine Kaspersinski.

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