Hamburgische Geschichten

Dienstag

26

Januar 2016

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Ausstellung: Hamburg, zeig mir dein Gesicht!

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Die interaktive, multimediale Ausstellung „Hamburg ins Gesicht geschaut“ zeigt einen bunten Mix aus Porträts von Hamburgern und Hamburgerinnen der letzten Jahrhunderte. Doch hält die Ausstellung was sie verspricht und offenbart das Gesicht Hamburgs? – Von Franziska Schnelle

Ein leichtes, kaum wahrnehmbares Lächeln umspielt ihre Mundwinkel. Die Kopfhaltung, ein wenig geneigt, verleiht ihr einen interessierten, wachsamen Ausdruck. Der rechte Arm lehnt lässig über die Lehne der filigran gearbeiteten Holzbank, während der linke, geziert von einem opulenten Armreif, entspannt herabhängt. Das Kleid der jungen Dame fließt in üppigen, roséfarbenen und verzierten Stoffbahnen an ihr herunter.

Ein Blick auf dieses Gemälde soll gleichzeitig ein Blick auf Hamburg ermöglichen. So zumindest verspricht es der Titel der derzeit im Museum Hamburg laufenden Sonderausstellung „Hamburg ins Gesicht geschaut“. Bloß erfährt der Betrachter dieses Porträt zunächst nichts über dieses Ölgemälde.

Denn eine Besonderheit der Ausstellung sind fehlende Infotafeln zu den Ausstellungsstücken. Nur im gut am Eingang der Ausstellung versteckten Begleitheftchen sind Kurzinformationen zu den Werken an der Museumswand zu finden. Stattdessen können Besucher in ausliegenden Tablets ausführliche Informationen zu Künstler und Porträtiertem nachlesen.

Hier erfahren Besucher dann auch, dass es sich um das Porträt der Unternehmergattin Marie Lühmann handelt. Ein Gemälde, das die bekannte Hamburger Porträtmalerin Julie de Boor 1899 von ihr anfertigte.

400 Porträts aus 500 Jahren sollen das Gesicht Hamburgs zeigen

Julie de Boors Werk ist eines von knapp 400 Porträts, die das Gesicht der Stadt im Verlauf der vergangenen fünf Jahrhunderte offenbaren sollen.
In einem einzigen großen Ausstellungsraum findet sich ein buntes Konglomerat aus Ölgemälden, Fotografien, Lithografien und Scherenschnitten mal mehr mal weniger bekannter Hamburger. Selbst Totenmasken erblicken Besucher in einigen wenigen Vitrinen.

Strukturiert ist die Vielzahl der Porträts nach acht Themenbereichen: Kindheit und Jugend, Partner und Paare, Familienporträts, Berufe und Berufungen, Gesichter der Herrschaft, Ereignisse im Porträt, Erzwungene Porträts und Tote im Porträt.

Alle Porträts stammen aus den eigenen Sammlungen der historischen Museen Hamburgs – dem Altonaer Museum, dem Museum für Arbeit und dem Museum Hamburg. Die Ausstellungskuratoren Ortwin Pelc, Verena Fink und Jürgen Bönig wählten aus mehr als 8000 Werken für Hamburg besonders repräsentative aus.

Eine mühsame Suche nach Information zu den ausgestellten Werken

Die Vielzahl an ausgestellten Porträts sollen in ihrer Masse wirken. Dabei jedoch auch noch auf einzelne Biographien einzugehen, sei unmöglich und würde die Besucher ermüden. So zumindest formuliert es Börris von Notz, Vorstand der Stiftung Historische Museen, im Begleitbuch zu „Hamburg ins Gesicht geschaut“. Die Ausstellung könne daher „nur unter Einsatz aller medialen Möglichkeiten“ bewältigt werden.

(Für eine Großbildansicht bitte in die Bildmitte klicken)

  • Marie Lühmann, Gattin eines Hamburger Großgrundbesitzers, von Julie De Bohr, 1899 / Foto: SHMH Hamburg Museum

 

Die Suche nach den gewünschten Informationen ist allerdings mitunter Schwerstarbeit. Denn immer wenn das Interesse an Werk und Porträtiertem geweckt ist, helfen nur die Tablets weiter. Bloß viele sind es nicht. Es kommt zu Wartezeiten. Auch einige technische Probleme in der vorinstallierten Ausstellungsapp verhindern, dass die digitalen Informationen abrufbar sind.

Was von den Kuratoren verhindert werden sollte, tritt nun trotzdem ein: Die mühselige Suche nach Informationen während des Ausstellungsrundgangs lässt einen mit der Zeit unaufmerksamer werden – unauffälligere Porträts bleiben unbeachtet. Porträts, die beispielsweise den Hamburger Albert Ballin zeigen. Einer, der das Stadtbild historisch enorm prägte und der nun unter geht in der Masse an ausgestellten Porträts.

Die Fotografie als Revolution in der Erinnerungskultur

Eine weitere Schwachstelle offenbart sich in dem Konzept, Porträts aus mehr als fünf Jahrhunderten auszustellen, obwohl sich die historischen Kontexte zur Anfertigung von Porträts stark unterscheiden.

Während Ende des 17. Jahrhunderts ausschließlich wohlhabende Kaufleute, Repräsentanten oder Würdenträger Porträts bei Malern in Auftrag geben konnten, ermöglichte dies erst die Fotografie auch für andere Bevölkerungsschichten. Vom Unikat entwickelten sich Porträts Ende des 19. Jahrhunderts zum vielfältig und kostengünstig reproduzierbarem Massengut.

Durch die Fotografie wurden nun Lebenswelten archiviert und der Öffentlichkeit präsentiert, die bisher verborgen blieben: Einblicke in Armenviertel, die verschiedensten Berufe sowie in das urbane Leben von Hafenarbeitern, Bäckern und Kindern. Dort, wo sich das Gesicht einer Stadt genauso zeigt, wie in den Porträts wohlhabender Bürger.

Irreführender Name für eine sehr sehenswerte Ausstellung

Das Gesicht Hamburgs erschließt sich dem Besucher nicht überall in der Ausstellung. Hauptsächlich sehen Ausstellungsbesucher erst in den Fotografien tatsächlich das Gesicht der Stadt, und nicht nur die Inneneinrichtung reicher Hamburger der älteren Gemälde.

Was sich aber an der Sonderausstellung „Hamburg ins Gesicht geschaut“ eindrucksvoll ablesen lässt, ist zum einen die Kulturgeschichte des Porträts und die Zäsur, die die Fotografie hierbei darstellt. Zum anderen ermöglicht die Ausstellung einen anschaulichen Blick auf die Entwicklung der Stadt Hamburg, da nicht Jahreszahlen sondern Gesichter ihre Geschichte erzählen.

Um einen solchen Einblick zu gewinnen müssen Besucher allerdings genügend Zeit, Muße und Ausdauer mitbringen, um sich intensiv mit den Tablets und der Begleitlektüre zu beschäftigen. Dann ist die Ausstellung trotz des irreführenden Namens wirklich sehenswert.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. Mai 2016 im Museum für Hamburg, am Holstenwall 24, 20355 Hamburg. Jeden Sonntag finden von 14 bis 15 Uhr öffentliche Führungen statt. Anmeldungen sind nicht erforderlich. Kosten für den Besuch der Ausstellung EUR 9,-, ermäßigt EUR 5,50. Weitere Infos unter: www.hamburgmuseum.de

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