Hamburgische Geschichten

Sonntag

13

Dezember 2015

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Alter Mariendom: Zwischen Fummelei und Dom-Altar

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Weihnachtsmärkte sind keine Erfindung der modernen Zeit. Einer der ersten fand bereits im alten Hamburger Mariendom statt und verwandelte das alte Gemäuer in eine Attraktion, die nicht immer ganz jugendfrei war. – Von Antonia Ivankovic

Alle Jahre wieder lockt der Weihnachtsmarkt, doch was wurde nur aus ihm und dem Weihnachtsfest? Eigentlich sollten die Menschen in dieser Zeit zu sich selbst und ihren Nächsten finden, doch stattdessen schwärmen sie hinaus auf grell erleuchtete Straßen und in überfüllte Geschäfte, um noch rechtzeitig alle Geschenke zusammenzukriegen. Ein Weihnachtsmarkt ist nur die Zwischenstation, an der schnell eine Bratwurst gekaut oder sich die meiste Zeit am Glühweinstand rumgedrückt wird, um die verdiente Belohnung für den anstrengenden Geschenkekauf sehnsüchtig die Kehle runterzukippen. Die einen im schicken Becher, die anderen aus dem Tetrapack, denn an Weihnachten schmeckt Glühwein immer gleich.

Die Wenigsten denken aber an einen Kirchgang. Dabei schmissen die Hamburger den allerersten Weihnachtsmarkt im alten Mariendom und verbanden ab dem 11. Jahrhundert zwei tolle Dinge miteinander: Katholizismus und Konsum. Auch als die Hansestadt im Zuge der Reformation protestantisch wurde, blieb der Christmarkt, wo er war – im Dom. Von überall kamen die Menschen in die heiligen Hallen, um sich klar zu werden, worum es wirklich geht: Um das Geben, um die Nächstenliebe, um die Geburt des Heilands.

Zwischen Kirchenschätzen und auf Gräbern von Mönchen und Rittern stellten sie ihre Buden und Stände auf, überquellend an Speis, Trank und Kinderspielzeug. Jeder konnte dabei sein – ob nun der ärmste Bettler oder der reichste Pfeffersack – er musste nur an den Türstehern vorm Eingang vorbei.

Je später es wurde, umso dichter wurde der Rauch, der vom Feuer herüberzog und die Liebespaare verdeckte, die sich an die Säulen des Gotteshauses drückten, damit sich niemand gestört fühlen musste.

Und während einige von Wein, Bier und Grog berauschten Besucher ein Weihnachtslied summen mochten, schallten die Schläge der verfeindeten und sich prügelnden Zunftmitglieder aus dem hinteren Teil des Doms herüber und gaben den Takt an.

Ernsthaft verletzt wurde nie jemand, denn die Lanzen der Wachen hielten die Streithähne in Schach und mochten für manch Frommen eine Erinnerungsstütze gewesen sein, dass Weihnachten eine Zeit ist, zu der alle Streitigkeiten vergessen werden.

Wie sagte der in Hamburg gestorbene Dichter Matthias Claudius so schön: „Und so leuchtet alle Jahre wieder die Welt langsam der Weihnacht entgegen und wer in Händen sie hält“ – ach, wir können froh sein, dass die Müllmänner heute wenigstens für uns den Dreck wegfegen.

  • Der Alte Mariendom lag zwischen den heutigen Straßen "Domstraße" und "Alter Fischmarkt" / Foto: Antonia Ivankovic

                                                      ( Für eine Großbildansicht bitte in die Bildmitte klicken)

 

 

Wie wurde der Dom eigentlich zum Weihnachtsmarkt? (Klicken Sie hier für mehr Infos!)

Die Geschichte des Doms geht bis in die Herrschaftszeit Karls des Großen und seinem Frankenreich zurück. Im 9. Jahrhundert entstand im nordelbischen Gebiet ein Stützpunkt für die Missionierung des Nordens, erst später wurde die „Hammaburg“ auch ein Knotenpunkt für Handelswege.

Bereits im 11. Jahrhundert war es üblich, dass fliegende Händler in der hölzernen Taufkirche, die später zum Dom werden sollte, unerlaubt Schutz vor dem „Schietwetter“ suchten. Erst im 14. Jahrhundert bekamen die Schausteller die Erlaubnis, in der Winterzeit hier ihre Stände aufzubauen. Die Tage des „Christfestes“ oder auch der „Domzeit“ entwickelten sich schnell zu einer beliebten Veranstaltung, bei der es nicht immer ganz so „christlich“ zuging. So wurden Hamburger Stadtwachen eingesetzt, die feierwütigen Hamburger in Schach zu halten. Dies änderte sich auch nicht, als 1522 die Reformation in Hamburg einzog.

Spätestens ab da konnte man den Dom als Enklave sehen. Schon der erste Bischof Ansgar hatte seinen Sitz aus dem „rauen“ Hamburg nach Bremen verlegt und als Vertretung ein Domkapitel von 12 Mönchen bestimmt, die mit der Zeit losgelöst von der Stadt und später auch vom Bischof agierten. Dennoch schrumpfte die Gemeinde des Doms und außerhalb der „Domzeit“ bekam das Kapitel dies zu spüren. Fenster wurden eingeschmissen, Eigentum entwendet und Geistliche beleidigt. Mehr als nur einmal erhob das Kapitel Beschwerde beim Senat, aber ohne Erfolg. Nach und nach wurden dem Dom seine Rechte aberkannt, doch komplett abschaffen konnte der Senat ihn nicht, da er de facto erst zu Bremen gehörte, seit dem „Westfälischen Frieden“ 1648 zu Schweden und ab 1715 zu dem sich ausbreitenden Kurfürstentum Hannover.

Die Streitigkeiten zwischen Dom und Stadt blieben über Generationen hinweg bestehen, die erst mit dem kurfürstlichen „Reichsdeputationshauptschlusses“ 1803 ein Ende fanden. Hamburg besaß nun die alleinige Gewalt über das Gotteshaus und beschloss sogleich seine Abschaffung. Zwischen 1804 und 1807 wurde der gesamte Besitz des Doms versteigert und das Gebäude abgerissen. Heute erinnert nur noch die grüne Fläche des Domplatzes in Hamburg an den Dom. Acrylblöcke markieren die Stellen, wo einst seine Säulen standen, wo der erste Weihnachtsmarkt abgehalten und vielleicht auch, wo der erste Grundstein Hamburgs gelegt wurde.

 

 

 

 

 

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