Hamburgische Geschichten

Montag

30

November 2015

0

COMMENTS

Architektur: Wie ein Schumacher Hamburgs Stadtbild für immer veränderte

Written by , Posted in Bericht, Journalismus

Vor 100 Jahren brachte Fritz Schumacher die moderne Stadtplanung nach Hamburg. Seine Ideen sollten Hamburg für immer verändern und beeinflussen die Stadtentwicklung bis heute. – Von Anna Wilke

Hamburg wächst. Bis 2030 werden in Hamburg etwa 1,86 Millionen Menschen leben – das sind 7,5 Prozent mehr als noch 2012, prognostiziert die Bertelsmann-Stiftung. Schon jetzt ist der Wohnraum knapp.
Stadtplaner und Politiker entwerfen, planen und entwickeln daher immer neue Stadt-Konzepte. Stadtentwicklung ist zu einem der wichtigsten Streitthemen der Stadt geworden. Sie wollen „mehr Stadt in der Stadt“, „springen über die Elbe“ und planen „stromaufwärts an Bille und Elbe“. Ein Name taucht in allen diesen Konzepten auf: Fritz Schumacher. Er war Architekt und lebte Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch wer war Schumacher und warum ist er noch heute wichtig für Hamburg und seine Bewohner?

Roter Backstein und Achsenkonzept

Holthusenbad, Davidwache oder Markthalle am Hauptbahnhof – viele imposante rote Backsteinbauten von Schumacher stehen noch heute in Hamburg. Über 30 Schulgebäude stammen von ihm, 15 Brücken, mehrere Krankenhäuser. Doch die größten Spuren, die Schumacher in Hamburg hinterlassen hat, sind auf den ersten Blick gar nicht zu sehen. Und trotzdem prägen sie seit über 100 Jahren das Leben und Wohnen der Hamburger. Denn Schumacher war nicht nur Architekt, sondern auch Stadtplaner.

Schumacher legte mit seinem Stadt-Konzept, der radial vom Zentrum ausgehenden Siedlungsachsen, vor einem Jahrhundert den Grundstein für das heutige Hamburg. Doch wie kam es zu Schumachers Konzept? Und was ist heute von der Idee übrig?

In der Zeit nach der Jahrhundertwende kämpften viele Städte mit den Auswirkungen der Industrialisierung und dem daraus folgenden Bevölkerungswachstums. Auch Hamburg erlebte in diesen Jahren ein enormes Wirtschaftswachstum. Es fehlte an Unterkünften und Bauland – die meisten Arbeiter lebten in den umliegenden preußischen Städten wie Altona, Wandsbek oder Harburg.

Grünachsen gegen das Wohnübel

Diese Situation prägte das stadtplanerische Denken Schumachers. Er war 24 Jahre lang Oberbaudirektor in Hamburg und leitete die Baudeputation, aus der später die Baubehörde hervorging. Im Jahr 1919 veröffentlichte Schumacher seinen Achsenplan für die Entwicklung des zukünftigen Hamburgs.

Sein Konzept sah Siedlungsachsen vor, die vom Zentrum Hamburgs ins Umland führen. Auf diesen Achsen sollte sich auch der Verkehr konzentrieren. Die Zwischenräume blieben in Schumachers Konzept frei und sind Grün- und Naherholungsflächen. Schnellbahnen, die entlang der Achsen verliefen, begünstigten den Aufbau von Nebenzentren. Diese Zentren sind in Schumachers Konzept an die Arbeitsplätze im Stadtkern angebunden. Doch die neuen Wohnquartiere seien in der Lage „uns von den Leiden der gegenwärtigen Wohnübel zu befreien“, so Schumacher im Jahr 1921.

Zudem forderte der Oberbaudirektor eine Planungsinstanz, die eine Steuerung der Stadtentwicklung auch über die Hamburger Stadtgrenzen hinaus ermöglicht. Seiner Meinung nach hatte sich das Umland der tonangebenden Kernstadt unterzuordnen – eine Kampfansage an das preußische Umland.
Schema der natürlichen Entwicklung des Organismus Hamburg / <i>Digitalisat: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg /  Lizenz: CC BY 3.0 DE)                            Schema der natürlichen Entwicklung des Organismus Hamburg / Digitalisat: Staats- und                     

                                                     Universitätsbibliothek Hamburg / Lizenz: CC BY 3.0 DE)

Das Groß-Hamburg-Gesetz

Mit taktischem Geschick plädierte Schumacher dafür, den Großraums Hamburg neu zu ordnen und umliegende Städte anzuschließen. 1929 gründete sich der Hamburgisch-Preußische Landesplanungsausschuss. Alle Städte und Dörfer im Umkreis von 30 Kilometern um das Hamburger Rathaus gehörten zum Planungsgebiet des Ausschusses. Die Beschlüsse des Ausschusses waren nicht verbindlich. Doch was Schumacher erreichen wollte, machte erst das NS-Regime wahr, das ihn 1933 zwangspensionierte. 1937 wurden durch das Groß-Hamburg-Gesetz Altona, Wandsbek und Harburg eingemeindet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Schumachers Konzept dann fester Bestandteil der Hamburger Stadtentwicklung.

Bis heute prägen die Schumacher’schen Verkehrsschlagadern, die vom Zentrum ins Umland führen, das Stadtbild. Sie sind der Grund für den hohen Anteil an Park- und Grünflächen, wie beispielsweise die großen Stadtparks in Winterhude, Altona und Harburg. Denn Schumacher betrachtete die Freiflächen zwischen den Siedlungsachsen nicht als Leerräume, sondern vielmehr als Arterien, die den Stadtkern mit Frischluft versorgen und daher zu schützen sind: „Bauflächen entstehen, auch wenn man sich nicht um sie kümmert! Freiflächen verschwinden, wenn man sich nicht um sie kümmert.“

„Der Hamburger wohnt auf der Geest, in der Marsch wird gearbeitet“

Das 2004 vorgestellte Stadtplanungskonzept „Sprung über die Elbe“ kann in der Tradition von Schumachers Achsenkonzept gesehen werden. Der lange vernachlässigte Hamburger Süden sollte durch den „Sprung über die Elbe“ in den Fokus rücken – vor allem die Elbinseln Wilhelmsburg und Veddel sowie der Harburger Binnenhafen.

Noch im 20. Jahrhundert war das Wohnen auf den Elbinseln für die meisten Hamburger undenkbar. Auch Schumacher tat den Raum zwischen Norder- und Süderelbe 1925 mit der Bemerkung ab „der Hamburger wohnt auf der Geest, in der Marsch wird gearbeitet“. In Schumachers Konzept grenzt Harburg direkt südlich an die Hamburger Innenstadt. Die Elbinseln spielen keine Rolle. Lange Zeit behielt das Gebiet zwischen den Elben diese Funktionsbestimmung – Wirtschaftsraum, zentraler Abfallplatz, „Raum für den Rest“. Die schwere Sturmflut 1962, durch die große Teile der Elbinsel unter Wasser standen, machte die Gegend als Wohnraum nicht attraktiver. Die von Schumacher vernachlässigte Marsch sollte mit dem neuen „Sprung über die Elbe“ endlich ein richtiger Teil Hamburgs werden. Das Hafengebiet soll Richtung Westen ausweichen. Der „Sprung über die Elbe“ ist also auf der einen Seite eine Weiterführung des Achsenkonzepts und doch eine kleine stadtplanerische Revolution: Anstatt die Achsen weiter nach außen zu entwickeln (wie beispielsweise beim Bau des Stadtteils Neuallermöhe), orientiert sich die Entwicklung eher nach innen.

Jetzt ist Hamburgs Osten dran

Nach der Erweiterung der Innenstadt durch die HafenCity und dem Sprung über die Elbe steht nun der Hamburger Osten auf dem Plan. Unter dem Leitbild „Stromaufwärts an Bille und Elbe“ sollen die urbanen Räume im Osten näher an die Stadt rücken, darunter vor allem die Stadtteile Hammerbrook, Borgfelde, Hamm, Rothenburgsort, Billbrook und Billstedt. Auch hier gibt es zahlreiche untergenutzte Industrie-, Gewerbe- und Verkehrsflächen.

Eine neue „Schumacher’sche Entwicklungsachse“ heißt es im Konzept der Landschaftsarchitekten WES, die zusammen mit anderen Partnern das Projekt „Sprung nach Osten“ realisieren. „Sie [die Siedlungsachsen, Anmerkung der Redaktion] werden auch zukünftig im Zentrum der baulichen Entwicklung stehen“, unterstreicht auch Olaf Scholz die Aktualität der 100 Jahre alten Idee des Oberbaudirektors. „Schumachers Landschaftsachsen gibt es immer noch und es wird sie auch in Zukunft geben. Sie sind in der wachsenden Stadt keine stille Bebauungsreserve, sondern im Gegenteil Hamburgs grüne Lunge zum Atmen“, erklärt er weiter.

Fritz Schumacher war Hamburgs erster moderner Stadtplaner. Heutige Architekten, Stadtplaner und Politiker sehen sich gern in seiner Tradition. Klaus-Dieter Ebert, Ehrenvorsitzender der Fritz Schumacher Gesellschaft, findet hingegen, dass „diese Planungsvorstellungen nichts mit dem Achsenkonzept zu tun haben“. Aber unabhängig davon, ob sich heutige Städteplaner in die Tradition Fritz Schumachers stellen oder nicht: Schumachers städteplanerischen Überzeugungen sind bis heute aktuell. Bereits 1919 schrieb er in seinem Aufsatz Sozialer Städtebau: „Nur wenn wir lernen, die Stadt aus solchem Gefühl heraus als Gemeingut zu betrachten, und nicht nur zu betrachten, sondern auch zu behandeln, können wir künstlerisch und können wir sozial die Probleme zu lösen beginnen, die sie uns stellt.“ Das könnte auch ein Stadtplaner heute so formulieren. Und die Hamburger Stadtplaner haben noch so einige Pläne – sei es im Osten und im Süden Hamburgs oder in der „Neuen Mitte Altona“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.