Hamburgische Geschichten

Samstag

7

November 2015

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Altes Land: Die Suche nach der neuen Heimat

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Die aktuelle Flüchtlingskrise nehme noch nie dagewesene Ausmaße an, verkünden viele, oft rechtspopulistische Quellen. Das ist falsch: Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchteten mehr als sechs Millionen Menschen in westdeutsche Gebiete. Gerda Steinebach erlebte die Zeit als Zehnjährige mit. Wir erzählen ihre Geschichte. – Von Max Bahne

81 Jahre ihres Lebens dokumentiert Gerda Steinebach in ihrem Fotobuch. Vergilbte Schwarz-Weiß-Bilder zeigen sie als Kind im Garten der Eltern, viele Fotos machte sie auf den Reisen mit ihrem Mann Gerd durch Spanien, Italien und Nordafrika. Jedes Bild klebt sauber und ordentlich nebeneinander aufgereiht im Buch, zu jedem hat die Rentnerin mit den kurzen grauen Haaren und dem freundlichen Lächeln eine Erinnerung parat. Trotz aller Sorgfalt hat sich aber eine unsichtbare Lücke ins Buch eingeschlichen. Von der Zeit zwischen ihrem zehnten und ihrem zwölften Geburtstag blieben ihr keine Bilder, sondern nur Erinnerungen. In dieser Zeit suchte Gerda Steinebach mit ihrer Schwester und ihrer Mutter nach einer neuen Heimat, nachdem die Wirren des Zweiten Weltkrieges ihr die alte genommen hatten.

Gerda Steinebach mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Agnes

Gerda Steinebach mit ihrer Mutter Agnes und ihrer Schwester Magdalena                                                    / Foto: privat

 

„Vom Krieg bekamen wir nicht viel mit“

Aufgewachsen ist Steinebach im schlesischen Ort Langendorf nahe der tschechischen Grenze. Ihre Familie wohnte dort schon seit Generationen, ihr Vater arbeitete in einer Holzfabrik, ihre Mutter kümmerte sich um sie und ihre ältere Schwester. Als Selbstversorger kannten die Steinebachs keinen Hunger – auch nicht, als im September 1939 der Krieg ausbrach. „Vom Krieg bekamen wir in Langendorf nicht viel mit; mit den deutschen Besatzern kam aber eine andere Atmosphäre ins Dorf: Man musste plötzlich aufpassen, was man sagte“, erinnert sich Steinebach. Die Nationalsozialisten brachten neue Regeln mit nach Langendorf:

Der Tag, der ihr Leben veränderte

Die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs spürte die Familie zum ersten Mal im Juni 1941, als Steinebachs Vater seinen Einberufungsbescheid erhielt und Frau und Kinder in Langendorf zurücklassen musste. Die Abreise des Vaters änderte am Familienleben nicht viel: Gerda Steinebach besuchte zusammen mit ihrer Schwester weiter die Dorfschule, während ihre Mutter sich um den Haushalt und den Garten kümmerte.
Erst ein Tag im Frühjahr 1945 veränderte das Leben der damals zehn Jahre alten Steinebach für immer:

Die überstürzte Flucht aus Langendorf wurde schließlich zu einer langen Suche nach einer neuen Heimat, an deren Ende die Familie vierzehn Monate später und knapp 800 Kilometer weiter westlich in Winsen an der Luhe aus einem Viehwaggon stieg.

Die Vertreibung aus Schlesien

Klicken Sie sich der Reihenfolge nach (1-18) durch die Karten, um die Flucht und Vertreibung von Gerda, ihrer Schwester Agnes und ihrer Mutter anhand von Twitter-Posts nachzuerleben.
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Die Suche nach einer neuen Heimat endet im überfüllten Auffanglager

Verteilung der Vertriebenen in die Besatzungszonen (Stand 1946). Copyright: Creative Commons, Nachbearbeitung: Antonia Ivankovic

Verteilung der Vertriebenen in die Besatzungszonen (Stand 1946). Copyright: Creative Commons, Nachbearbeitung: Antonia Ivankovic

In Winsen angekommen, stand die Familie vor dem Nichts. „Wir hatten nichts. Aus Langendorf konnten wir unsere Habseligkeiten nicht mitnehmen, am Bahnhof in Neiße sind wir sogar noch einmal gefilzt worden. Lediglich unsere Pässe durften wir behalten“, sagt Steinebach. Die Familie war auf Hilfe angewiesen – die sie auch bekam.
Zuerst kam sie in einem Auffanglager in Winsen unter, das das Rote Kreuz eingerichtet hatte. Dort lagen die Matratzen dicht an dicht, damit möglichst viele Flüchtlinge und Vertriebene Platz fanden. Außerdem gab es nach langer Zeit wieder etwas Warmes zu Essen: „In Winsen bekamen wir Erbsensuppe mit Würstchen. Danach hatte ich zwei Tage Magenschmerzen, weil ich es nicht mehr gewohnt war, so viel zu essen“, erinnert sich Steinebach. Nach drei Tagen im überfüllten Auffanglager in Winsen zogen sie in ein Zimmer in einen Gasthof und von dort auf einen Bauernhof in der Nähe, dessen Besitzer den Flüchtlingen ein Zimmer zur Verfügung stellte. Der Bauer nahm die Familie nur widerwillig auf:

Hilfsbereitschaft und Vorurteile

Es gab allerdings auch viele Menschen, die ehrenamtlich in den Auffanglagern arbeiteten und bei der Essensausgabe oder der Verteilung der Flüchtlinge halfen. Ein Metzger in einem Nachbarort versorgte Gerda Steinebach und ihre Familie mit Lebensmitteln, vom Land Niedersachsen erhielten sie – wie alle anderen Flüchtlinge auch – finanzielle Unterstützung.

Die Integration der Ostflüchtlinge in die Gesellschaft war schwierig. Die Bevölkerung im Alten Land hatte Vorurteile gegenüber den Neuankömmlingen, obwohl der Großteil der Flüchtlinge dieselbe Sprache sprach: „Schon in Schlesien haben unsere Eltern darauf geachtet, dass wir Deutsch sprechen“, sagt Steinebach. Das Gefühl, eine neue Heimat gefunden zu haben, habe sie damals noch nicht gehabt, erinnert sie sich. Wie groß die Vorurteile waren, zeigte sich schon bei den alltäglichsten Dingen:

Probleme trotz guter Sprachkenntnisse

Trotz sehr guter Sprachkenntnisse hatten die Kinder der Flüchtlinge große Probleme in der Schule. So auch Steinebach: „Wir waren ja lange, lange Zeit nicht mehr in der Schule gewesen. Im Vergleich zu den anderen Kindern hatten wir große Lücken. Besonders in der Berufsschule merkten wir, wie weit uns die anderen Schüler voraus waren“, sagt Steinebach.

Anteil der Vertriebenen, die im Raum Hamburg berufsfremd arbeiteten (Stand 1950)

Anteil der Vertriebenen, die im Raum Hamburg berufsfremd arbeiteten (Stand 1950)

Entgegen aller Schwierigkeiten ging es für Steinebachs Familie langsam aufwärts. „Mit der Zeit merkten die Nachbarn, dass wir auch nur Menschen sind. Die Integration klappte nach einer gewissen Anlaufphase gut“, erinnert sie sich.

1947 kehrte ihr Vater aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück. Er fand aber keine Arbeit in einer Papierfabrik, sondern eine Ausbildungsstelle als Schweißer bei der Werft Pella Sietas.
Berufsfremd zu arbeiten war damals vor allem bei Flüchtlingen verbreitet, oft fanden sie abseits der Mangelberufe, wie Bauarbeiter oder auch Schweißer, keine Anstellung. Das war aber kein Hindernis für sie: „Die Leute wollten ja arbeiten, ihnen blieb auch nichts anderes übrig“, sagt Steinebach.
Eng verknüpft mit der neuen Arbeit des Vaters vollzog sich der gesellschaftliche Aufstieg der Familie:

Rückkehr in die alte Heimat

Gerda Steinebach fand trotz der Probleme in der Schule Anfang April 1950 eine Ausbildungsstelle als Schneiderin bei einem Modehaus in Hamburg. Dort nahmen die übrigen Kollegen sie gut auf, was auch daran lag, dass sie eine schlesische Chefin hatte: „Es war toll, so nett dort aufgenommen zu werden, das Dorf hinter sich zu lassen und nach Hamburg zu kommen“, sagt Steinebach. In der Hansestadt lernte sie 1955 ihren Mann Gerd kennen, den sie zwei Jahre später heiratete.

Die Reisen mit ihrem Mann schufen die ersten Erinnerungen einer neuen Heimat, die Steinebach sorgfältig aneinander gereiht in ihr Fotobuch klebte. Beim Blättern in Steinebachs Album werden die Erinnerungen langsam von Schwarz-Weiß zu Bunt. Die letzten Aufnahmen stammen vom Sommer 2012, von einer Reise ins polnische Wielowieś, das bis 1945 Langendorf hieß und ihre Heimat war.

 

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Gerda Steinebach vor ihrem alten Haus in Schlesien                                                                                                    / Foto: privat

Wie beurteilen Sie die Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg? Haben Sie selbst ähnliche Erfahrungen gemacht? Nutzen Sie unser Forum gerne zur Diskussion!

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