Hamburgische Geschichten

Montag

28

September 2015

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Ausstellung: Die Geburt der modernen Medizin

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Das Medizinhistorische Museum in Hamburg Eppendorf ist nichts für schwache Nerven: Tuberkulose in Bildern, Syphilis in Wachs und ein leichenblasser Sektionssaal – Das Museum rät zur freiwilligen Selbstkontrolle. – Von Anna Priczkat

Wer auf dem Gelände des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) keinen Arzt oder Kranken besucht, ist möglicherweise auf dem Weg zur Dauerausstellung „Die Geburt der modernen Medizin“. In verschiedenen Themenräumen wird mit eindrucksvollen Exponaten und Schicksalen Medizingeschichte aufgearbeitet. Als Hafen- und Handelsstadt mit besonderen Herausforderungen an die Medizin, steht Hamburg im Mittelpunkt der Ausstellung. Begleitet wird sie zurzeit von der Vortragsreihe „Wahnsinn, Psychiatrie und Raum“.

Die Helligkeit, die elektrisches Licht nicht leisten konnte, entwickelte Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher zu Beginn des 20. Jahrhunderts für den Sektionssaal der Pathologie im UKE. Der Architekt, nach dem das Museumsgebäude in Backstein benannt ist, schuf einen gläsernen Ort mit optimalen Lichtverhältnissen. Seit 1926 gingen hier Pathologen und Präparatoren Todesursachen auf den Grund. Heute ist der verstörend weiße Raum Ausgangspunkt und Herzstück der Ausstellung. Acht Sektionstische mit Duschköpfen und Abflüssen – bestimmt für diverse Körperflüssigkeiten, die beim Sektionsprozess austreten, lösen gleichermaßen Faszination wie Abscheu aus. Die ästhetische Kulisse wurde 2009 für etwa 500.000 Euro restauriert. Längst haben bildgebende Verfahren die damals notwendigen Sektionen abgelöst. Dennoch ist dieser Raum ein Sinnbild für die moderne Medizin: „Wir denken heute genauso wie vor hundert Jahren, wir haben nur neue Technik“, sagt Museumsdirektor Heinz-Peter Schmiedebach.

Von der Entwicklung der Mikroskopie, über den damals leichtsinnigen Umgang mit Röntgenstrahlen bis hin zum modernen Krankenhaus, zeigt das Museum Meilensteine der Medizin, um die Gegenwart zu verstehen und sich den Herausforderungen der Zukunft stellen zu können. Der Umbau des Gebäudes in der Martinistraße hat etwa 2,4 Millionen Euro gekostet. Nur durch zahlreiche Sponsoren- und Stiftungsgelder konnte das Museum realisiert werden. „Wir wollten manche Räume anders gestalten“, gibt Schmiedebach zu. Es mussten oft Kompromisse mit den Geldgebern gefunden werden, bevor das Museum 2010 eröffnet werden konnte.

Hafenstadt mit Hygieneproblem

Der Hamburg-Fokus der Ausstellung ist auch eine Exkursion in die Stadtgeschichte: Ein- und Auswanderwellen um 1900 brachten verschiedenste Krankheiten in die Hafenstadt; Seeleute verbreiteten Geschlechtskrankheiten und Rauschgifte; eng besiedelte Arbeiterquartiere wurden 1892 besonders schlimm von der Choleraepidemie erfasst. Schmiedebach bezeichnet Hamburg als „rückständigste Stadt“ was den Hygiene- und Fürsorgestandart zu dieser Zeit betrifft. Auch sozialgeschichtliche Zusammenhänge der Tuberkulose werden beleuchtet: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte die Infektionskrankheit zu den häufigsten Todesursachen der westlichen Welt. Im Ausstellungsraum finden sich Belege für den Umgang mit der Krankheit zu dieser Zeit. Die so genannte Schwindsucht war allgegenwärtig.

  • Sektionssaal im Medizinhistorischen Musem Eppendorf
    Sektionssaal der ehemaligen Pathologie im UKE: Der von Fritz Schuhmacher entworfene Raum lieferte enorm viel Tageslicht um Sektionen durchführen zu können / Foto: Simon Bickel

 

Auf der Straße sollte zum Beispiel durch Hinweisschilder mit der Aufschrift „nicht auf den Boden spucken“ eine Verbreitung der Krankheit eingedämmt werden. Wie schnell eine Übertragung stattfinden konnte, verdeutlichen die damaligen Wohnverhältnisse, die auf Fotos und Illustrationen abgebildet werden. Noch heute sterben jedes Jahr mehr als 1,4 Millionen Menschen weltweit an Tuberkulose.

Gruselkabinett und grausame Verbrechen

Wie diese Krankheit aussehen kann, erfährt man plastisch an der bemerkenswerten Sammlung an Moulagen. Die Wachsmodelle zeigen Gesichter, Arme, Beine, Füße, Hände und Genitalien mit teilweise abscheulichen Krankheitszeichen. Der Anblick von Syphilis im Endstadium mit entstellenden Geschwüren und Schwellungen sind für Zartbesaitete nur schwer zu ertragen. Weshalb empfohlen wird, dass Jugendliche unter 16 Jahren die Ausstellung in Begleitung von Erwachsenen besuchen. Insgesamt gehören 598 Abgüsse von historischen Patientenkörpern zum Bestand des Museums. Darunter befinden sich auch Modelle von erkrankten Säuglingen. Ethisch fragwürdig ist die Herstellung der Moulagen, die in der Regel durch Gips an lebenden Kranken angefertigt wurden. Zwischen 1850 und 1950 gehörten die Objekte zum Lehr- und Forschungsgegenstand der Dermatologie. Auch heute sind sie noch Bestandteil von Medizinprüfungen im UKE.

Ein weiterer Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit medizinischen Verbrechen im Nationalsozialismus. Auf verschiedenen Tafeln stehen Biografien von verfolgten Medizinstudenten und Oppositionellen. Auch die bewegende Geschichte der behinderten Irma Sperling, die 1943 in einer Heilanstalt in Wien durch Medizinexperimente im Alter von 13 Jahren starb, beschreibt dieses historische Medizinkapitel mit seinen Abgründen. Während des Nationalsozialismus waren etwa 45 Prozent der Ärzte Mitglieder der NSDAP – ein besonders hoher Anteil im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Ärzte des damaligen Universitäts-Krankenhauses Eppendorf waren zum Beispiel am organisatorischen Ablauf von Zwangssterilisationen beteiligt. Dieses Medizinkapitel scheint zu ausgewogen dargestellt: Es bleibt schwer die genaue Rolle des UKE einzuschätzen.

Zwei Stunden für 150 Jahre Medizingeschichte lohnen sich, obwohl gut die Hälfte der Zeit mit Lesen verbracht wird. In einzelnen Räumen ist es anschaulich gelungen, in vergangene, medizinische Gefilde einzutauchen – auch wenn es, wie bei den Moulagen, etwas Überwindung kostet. Anderswo bleibt man ohne Führung im Dunkeln und starrt auf schnöde mikroskopische Präparate, die doch eigentlich eine faszinierende Geschichte erzählen können.

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