Hamburgische Geschichten

Dienstag

11

August 2015

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Blankenese: Ein Spaziergang durch die Zeit – 2

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Mit einem Reisebericht von zwei Männern wandern wir von Hamburg bis nach Blankenese. Hermann und Behrmann nehmen uns mit auf den zweiten Teil ihrer Reise in das Jahr 1839. Doch was ist aus der Zeit übrig geblieben? – Von Antonia Ivankovic und Folke Wulf

„Einer von uns war mit einem Regenschirm versehen“, schreiben Hermann und Behrmann. Wir nicht. Wir haben uns zu sehr auf das schöne Wetter verlassen und müssen vor der Nienstedtener Kirche warten, bis das Gewitter vorbeigezogen ist. Als der Himmel wieder klarer wird, werfen wir einen genaueren Blick auf das Gebäude. Ein Fachwerkbau mit barocken Zügen. Sie wurde 1751 an der heutigen Elbchaussee erbaut, kaum 100 Meter Luftlinie von der Elbe entfernt. Wir gehen um den Bau herum. Auf der anderen Seite, vom Wasser weg, sehen wir Wohnhäuser. Ebenfalls im Fachwerkstil und mit Reetdächern. Neben dem Haupteingang zählen wir an jeder Kirchenwand eine weitere Tür. An der Südseite ist eine alte Sonnenuhr in das Mauerwerk gelassen. „Die eine Thür ist ausschließlich für Männer, die andere hingegen nur für Frauen bestimmt“, erklären uns unsere Reiseführer, aber welche Tür nun für welches Geschlecht ist und wieso es dann gleich 4 Eingänge gibt, wissen wir nicht. Vielleicht konnte man sich aussuchen, von welcher Seite man in das Gotteshaus schreiten wollte.

Bis 1814 befand sich um die Kirche herum noch ein Friedhof. Die Gräber wurden alle auf den Nienstedtener Friedhof verlegt, einige Meter weiter auf der Elbchaussee. Namen wie Jenisch, Darboven, Hagenbeck oder auch Reemtsma finden sich dort auf den Grabsteinen, die natürlich weder Hermann noch Behrmann kennen konnten.Zusätzliche Infos

Der Park des Wohltäters

Unsere beiden Ur-Hamburger führen uns in einen Park und wir lassen das kleine Nienstedten hinter uns. Das Gelände, welches wir jetzt betreten, gehörte damals noch zu Altona und ist unser letzter Stopp, bevor wir Blankenese erreichen.

Hinter Metallstreben befindet sich eine große, teilweise hügelige Wiese mit einem alten Herrenhaus, welches durch ein Baugerüst verdeckt wird. Wir stehen am Eingang des Baurs-Parks. „Nachdem wir hier die üblichen vier Schilling als Entree bezahlt hatten, die von dem alten Eigenthümer für die Armen bestimmt sind, traten wir ein.“ Eintritt müssen wir heute nicht zahlen, wie die meisten großen Gärten, wurde auch der Garten von Georg Friedrich Baurs später verstaatlicht. Baurs erwarb das Gelände 1817 und ließ es zu einem Garten im englischen Stil ausbauen.Zusätzliche Infos

„Hierauf wurde unsere Aufmerksamkeit von einem hohen Thurme aus Granit angezogen. Er liegt auf einem kleinen, dicht bewachsenen Hügel, und ist von der Größe, daß er über alle Bäume hervorragt, die ihn umgeben. Der Styl, in welchem er erbaut ist, macht seinem Erbauer alle Ehre.“ Damit meinen Hermann und Behrmann wohl den Pagodenturm, der hier einst stand. Baurs ließ nicht nur chinesische Türme hier errichten, sondern auch Waldhütten, Tempel und Aussichtsplattformen. Eine davon ist der „Kanonenberg“, der aus alter Zeit überlebt hat und eine sehr offene Sicht auf die Hügel von Blankenese zulässt.

  • Haupteingang der Nienstedtener Kirche... / Foto: Antonia Ivankovic

Der Süllberg gleicht aus der Ferne einer südlichen Insel. „Der Blick gleitet hier ungehindert über die große Wasserfläche der mächtigen Elbe, und verfolgt sie, bis sie sich am Horizont verliert.“ Ganz so weit geht unser Blick über die inzwischen gezähmte Elbe nicht, aber die Sicht auf den regen Schiffsverkehr lassen uns einen Moment verweilen.

Der winkende Turm

Blankenese ist nun keine 20 Minuten mehr von uns entfernt, wir können uns aussuchen, ob wir am Strand oder durch das Treppenviertel zum Kösterberg wandern. Beides hat es so zu Hermann und Behrmanns Zeiten nicht gegeben. Am Wasser liegen Boote am Ufer, die von ihren Besitzern gerade gereinigt oder für die nächste Ausfahrt vorbereitet werden.

Wir entscheiden uns für den Weg durchs Treppenviertel. So streifen wir lange durch die verwinkelten und engen Gassen, steigen Treppen hinauf und wieder hinab. Wir begegnen kaum Anwohnern. Cafés und Restaurants sind trotz der Mittagszeit leer. Schließlich steuern wir auf den Süllberg zu. „Der Süllberg an sich ist ganz kahl und nur mit Heide bewachsen.“ Er ist noch immer sehr grün, aber nicht mehr kahl. Auch hier stehen Wohnhäuser, auf der Spitze des über 70 Meter hohen Berges liegt ein kleines Waldstück. Wir folgen schmalen Pfaden, die uns in Schlangenlinien über ihn hinweg und unter dichten Bäumen hindurch führen.

„Wir setzten unseren Weg zum Kösterberg fort. Zum Zeitvertreib beschlossen wir den Telegraphen näher in Augenschein zu nehmen.“ Wo auch immer dieser Telegraf aufragte, wir können ihn nicht mehr finden.Wir können nur vermuten, dass er näher am Wasser gestanden haben muss. Der optische Telegraf, den Hermann und Behrmann meinten, gewährleistete die Kommunikation zwischen Hamburg und Cuxhaven. Mit Fernrohren las man von anderen Standpunkten aus die Zeichenkombinationen ab, die der Telegraf mit mechanischen Armen formte. 1850 löste die elektronische Telegrafie solche Modelle ab.

Unsere Reiseführer verabschieden sich ab hier. Sie sind in die „Patriot“ gestiegen, einem Raddampfer, der einmal die Woche von seiner Fahrt zwischen Hamburg und Helgoland hier vorbeikam. Wir müssen ein gutes Stück zurücklaufen. Durch die engen Straßen von Blankenese fahren nur selten Busse und eine Fähre Richtung Innenstadt können wir erst ab Teufelsbrück nehmen. Auf unserem Rückweg wird uns bewusst, dass alle Orte, die wir durchquerten anders sind als Hamburg. Altona, Ottensen, Nienstedten, Teufelsbrück, Blankenese. Sie alle haben eine eigene Vergangenheit, eine eigene Geschichte, eine eigene Identität und sind doch mit der Geschichte der Hansestadt verbunden. Nicht zuletzt durch die direkte Nähe.

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