Hamburgische Geschichten

Dienstag

11

August 2015

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Blankenese: Ein Spaziergang durch die Zeit

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Am 11. August 1839 machten sich zwei Hamburger Bürger namens Hermann und Behrmann auf den Weg in das benachbarte Blankenese. Ein Tagesmarsch, der sie an vielen Sehenswürdigkeiten vorbeiführte. Knapp 200 Jahre später gehen zwei Geschichtsstudenten diesen Weg nach. Was ist geblieben? Was hat sich verändert? – Von Antonia Ivankovic und Folke Wulf

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Blankenese gehörte im 19. Jahrhundert noch nicht zu Hamburg. Es war ein kleines Dorf, das durch die hügelige Landschaft und die Nähe zur Elbe an schönen Tagen eine willkommene Abwechslung für die Hamburger bot, denn Grünanlagen wie Planten und Blomen oder der Stadtpark wurden erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt. Dies belegt unter anderem eine Quelle aus dem Jahr 1839 „Vom Hamburger Berg bis nach Blankenese“ – ein Reisebericht von Hermann und Behrmann. Ihr Ziel war Blankenese, doch auf ihrem Weg kamen sie auch an vielen Dörfern vorbei. Altona, Ottensen, Teufelsbrück und Nienstedten, die mit ihren Parks, Gärten und Lokalen die obere Gesellschaft der Hansestadt anlockten.

Morgens auf der Reeperbahn

Wir beschließen, den Spuren der beiden Ur-Hamburger zu folgen. Wie Hermann und Behrmann beginnen wir die Reise morgens, auf dem „noch ziemlich belebten Hamburgerberg.“
Damals war der „Berg“ noch ein Vorort Hamburgs. Bis 1833 siedelten sich hier Handwerker, Betriebe und andere Berufsgruppen an, weil sie zu viel Lärm machten, zu sehr stanken oder einfach nicht innerhalb der Stadt erwünscht waren. Dazu gehörten Zimmerer, Prostituierte und Seilmacher (auch Reepschläger genannt). Zusätzliche Infos

Heute ist der Hamburger Berg eine Seitenstraße der Reeperbahn. In den Erdgeschossen finden sich vor allem kleine Bars, darüber sind Wohnungen. Obwohl die Gegend gerade abends für ein reges Treiben bekannt ist, tummeln sich auch schon morgens Touristen, Anwohner oder Verlorene der vergangenen Nacht auf den Wegen.

Unseren historischen Stadtführern gleich, folgen wir nun der Königsstraße. Laut ihnen sollen wir das Altonaer Rathaus, das Waisenhaus und ein Krankenhaus sehen. „Wobei das erste das ältere ist, die anderen beiden scheinen erst in diesem Jahrhundert aufgebaut zu sein.“ Ein Rathaus sehen wir, die beiden anderen Gebäude nicht. Wir können mit Sicherheit sagen, dass Hermann und Behrmann bei ihrem Rundgang vor 200 Jahren ein anderes Bild sahen. Sie meinten das alte Altonaer Rathaus, welches 1716 erbaut und 1943 zerstört wurde. Das neue Rathaus war nach seiner Fertigstellung 1844 zunächst das Hauptgebäude der Altona-Kiel Eisenbahngesellschaft.Zusätzliche Infos

Unter der Linde

Etwas versteckt liegt unser nächstes Ziel. Die Königsstraße mündet im Ottenser Marktplatz und wir betreten den Kirchhof der Ottenser Christianskirche. Er ist „besonders durch das darauf befindliche Grab Klopstocks merkwürdig“, schreiben Hermann und Behrmann. Tatsächlich liegt heute noch immer Friedrich Gottlieb Klopstock hier begraben, ein Dichter aus der Epoche der Empfindsamkeit. Das Grab ist „von der Kirchenthüre nach Süden unter einer sehenswürdigen großen Linde“. Also direkt vor dem Eingang der barocken Kirche. Ein Relief ziert das Grab, das heute mit Moos bedeckt ist. Neben ihm liegen seine beiden Ehefrauen begraben. An sie erinnern Grabsteine am Boden.Zusätzliche Infos

Wir verlassen Klopstock und seine Gemahlinnen und wandern auf der Elbchaussee weiter. Sie wird den Hauptteil unserer Reise ausmachen und uns an den versprochenen Gärten, Häusern und Aussichtspunkten vorbeiführen. Gleich zu Beginn der Chaussee nähern wir uns dem „berühmten Garten des Herrn Rainville, er ist unstreitig einer der schönsten Gärten in Hamburgs Nähe.“

  • Der Hamburger Berg am Morgen. Im Hintergrund sieht man einen Teil vom ehemaligen israelitischen Krankenhaus. Es wurde 1844 erbaut und ist heute das Bezirksamt St. Pauli. / Foto: Antonia Ivankovic

Wir haben eine klare Sicht auf die andere Elbuferseite mit den Kränen des Industriehafens. 1798 errichtete César Claude Rainville hier sein Wirtshaus, die Rainvilleterrasse. Rainville floh einst aus Frankreich und machte aus dem Gasthaus eine Attraktion, die viele Persönlichkeiten anlockte und in zeitgenössischen Reiseführen in den höchsten Tönen gelobt wurde, weil es die damals moderne „Savoir-vivre“ (Lebenskunst) in den hohen Norden brachte. Unter Rainvilles Tod 1845 und der Industrialisierung des Altonaer Hafens litt das Image des Wirtshauses, bis es abgerissen und der Garten parzelliert wurde. Das verlieh ihm sein heute typisches Aussehen.Zusätzliche Infos

Die lange, lange Elbchaussee

„Von hier an ist der Weg der angenehmste, den man sich denken kann. An beiden Seiten stehen die prächtigen Landhäuser der reichen Bewohner Hamburgs, umgeben von auf das geschmackvollste angelegten Gärten, die an einigen lichten Stellen die Aussicht auf den Strom gestatten“, versprechen uns Hermann und Behrmann. Wir folgen also weiterhin der Elbchaussee, die an diversen Villen vorbeiführt. Ein großes Haus reiht sich ans nächste, die Gärten sind meist durch hohe Hecken verdeckt und lediglich kleine Lücken in den massiven Einfahrtstoren bieten Einblicke auf die Grundstücke. „Kornfelder und Wiesen“ sehen wir nicht und zu hören sind vor allem die Motoren der zahlreichen Autos, die an uns vorbeifahren.

Nach ungefähr einer Stunde kommen wir am Jenisch-Park vorbei, der in unserem Reisebericht nicht erwähnt wird. Der Park war erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Öffentlichkeit zugänglich und bis dahin in Privatbesitz, wirkt aber wie ein Gemälde aus der Epoche des Impressionismus. Wir erlauben uns die Pfade unserer Reiseführer kurz zu verlassen und durch den Park hindurch nach Teufelsbrück zu gelangen, „woran das Wirthshaus gleichen Namens liegt.“ Das „Wirtshaus Teufelsbrück“ gibt es nicht mehr, es war bis in die 1970er als „Fährhaus Teufelsbrück“ bekannt. Stattdessen steuern wir auf einen modern gestalteten, hellen Platz zu. Hier befinden sich verschiedene kleinere Lokale und wir setzen uns in einen der teureren Imbisse direkt am Wasser und genießen die milde, fast maritime Luft. Während wir essen lauschen wir den Wellen, die von den vorbeifahrenden Fähren angespült werden.Zusätzliche Infos

Wir steuern unser nächstes Ziel an: Nienstedten und „dessen einfache Kirche. Wir mußten gerade zu der Zeit des Kirchenanfangs hier angekommen sein, denn der ganze Weg war von Kirchgängern belebt.“ Wir aber sehen nur eine Hochzeitsgesellschaft, die sich in der Kirche zusammen gefunden hat. Plötzlich hören wir aus der Ferne Donner grollen, der ein Gewitter ankündigt. Dunkle Regenwolken ziehen über uns auf und wir sind gezwungen Schutz zu suchen.

Gespannt, wie es weitergeht? Lesen Sie hier den zweiten Teil des Reiseberichts!

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