Hamburgische Geschichten

Freitag

10

Juli 2015

0

COMMENTS

Ausstellung: Hamburg als Industrieplatz 2015

Written by , Posted in Journalismus, Rezension

Die Hamburger Industrie war 1952 geprägt von großen Fabriken und Werken. Mit der Hilfe des berühmten Fotografen Alfred Ehrhardt versuchte die Handelskammer dem Bild, Hamburg sei eine Hafen- und Handelsstadt, entgegenzuwirken. Nachdem die Fotografien fast vergessen waren, sind sie heute wieder in der Handelskammer zu betrachten. – Von Janne Rumpelt

Frauen sitzen in Reih und Glied an ihren schmalen Arbeitsplätzen und bestücken Setzkästen, im Hintergrund sind noch weitere Sitzreihen mit Frauen, die die gleiche Arbeit verrichten. Die dunkle Arbeitsatmosphäre ist kaum zu übersehen. Niemand unterhält sich oder lächelt.

Hamburg als Industrieplatz 1952

Diese Fotografie von Alfred Ehrhardt zeigt Arbeiterinnen im Jahr 1952, die im Philips-Valvo-Werk (Deutsche Philips GmbH) angestellt sind. Seit Mai dieses Jahres werden im Rahmen der Serie „Kunst in der Handelskammer“ die „Hamburger Industriefotografie 1952“ von Alfred Ehrhardt ausgestellt. Über 50 Schwarz-Weiß-Fotografien zahlreicher Traditionsunternehmen in Hamburg, wie Mont Blanc, Norddeutsche Affinerie oder Reemtsma, sind im „Haus im Haus“ in der Handelskammer zu besichtigen.

Der Ansprechpartner für die Serie „Kunst in der Handelskammer“ ist der Journalist Frank Schlatermund. Seine Leidenschaft zur Kunst und die Liebe zu Hamburg werden schon nach den ersten Minuten unübersehbar: „Anfang der 1950er Jahre stellte die Handelskammer fest, dass Hamburg nicht so sehr als Industriestandort wahrgenommen wurde, obwohl Hamburg seit jeher einer der größten Industriestandorte Deutschlands ist. Die Stadt wurde eher als Hafen- und Handelsstadt gesehen. Daraufhin beschloss die Handelskammer, eine Imagebroschüre zu konzipieren, in der die Industrie der Stadt vorgestellt werden sollte. Um diese Broschüre zu bebildern, beauftragte man den Fotografen Alfred Ehrhardt.“
Was als Beigabe zu einer Imagebroschüre geplant war, ruft heute – auch bei Frank Schlatermund – Begeisterung im künstlerischen Auge hervor: „Alfred Ehrhardt hat vorher gar keine Industrie fotografiert. Er hat sich mehr auf Wattfotos und Naturaufnahmen fokussiert. Dennoch sind das sehr ästhetische Fotos, sehr steril, sehr sauber. Selbst so versmogte Bilder, wie das von der Norddeutschen Kohlen- und Kokswerke AG, kommen äußerst schön rüber.“ Wobei er nicht nur auf die Bilder mit großen Fabriken, die der Qualm ziert, aufmerksam macht, sondern auch auf Lebensmittelhersteller: „Hier haben wir zum Beispiel das Magarinewerk Sanella, das wirkt so unglaublich sauber. Also wie Alfred Ehrhardt das fotografiert hat, das ist Wahnsinn, denn so sieht ein Werk ja normalerweise nicht aus.“

Was bleibt heute von den Fotos?

Auch wenn die Industriefotografien 1952 im künstlerischen Auge Begeisterung hervorrufen, bleibt die Frage offen, ob die Fotos das Ziel der Handelskammer im Jahr 1952 erreicht haben und was davon bis heute übrig geblieben ist.
Trotz der ästhetischen Fotografien von Alfred Ehrhardt gewinnt man einen ganz eigenen Eindruck der damaligen Industrie. Viele der Arbeiter in den großen Fabriken wirken von der Schwere der kahlen Beton- und Stahlmassen wie erschlagen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs herrschte vorwiegend eine Zeit der Desorientierung und Unklarheit über die Motive der Alliierten. Obwohl die Nachfrage am Markt groß war, reichten die Rohstoffe nicht aus. Die Fabriken und Maschinen waren nicht mehr vorhanden. Die Menschen mussten improvisieren. Besonders Hamburg traf die Demontage- und Produktionsbeschränkungspolitik der Besatzungsmächte mit voller Wucht. Große Betriebe, wie Blohm & Voss mit über 10 000 Beschäftigten waren zerschlagen. Die Produktionsstätten einiger Unternehmen waren während des Krieges ins Ausland verlegt und mussten nun erst zurückgeholt werden. Viele Werke, die Schlüsselbetriebe im Rüstungsbau waren, verschwanden. So verlor die Hamburger Wirtschaft aufgrund des Krieges etwa 40 000 Arbeitsplätze.

 

Werkhalle_Web

Frauen arbeiten in den Philips-Werken / Foto: Alfred Ehrhardt / Alfred Ehrhardt Stiftung / IND-0026

 

Doch trotz Rohstoffknappheit und Mangelernährung verdreifachte Hamburg sechs Jahre nach Kriegsende die Produktionskapazität. Der Wille, die zerstörten Betriebe provisorisch wieder aufzubauen, führte zu höheren Beschäftigungszahlen und der Wirtschaftskreis fing langsam an, sich zu schließen. Obwohl Hamburgs Industrie tatsächlich an Bedeutung gewann, setzte in den 1960er Jahren erneut ein Erosionsprozess ein. Nutzbare Industriefläche war noch immer knapp und teuer. Viele Firmen siedelten sich daher im Hamburger Umland an. Die Folgen waren für die Stadt unausweichlich. Die Zahl der Arbeitsplätze und der Produktionsstätten sanken und führten zu einem Bedeutungsverlust der Stadt Hamburg als voranschreitende Industriemetropole.

Einer der „Großen des Films und der Photografie“

63 Jahre lang dachte kaum noch jemand über die geschichtsträchtigen Fotografien nach und sie verschwanden in den Archiven der Handelskammer. „Bis“, so sagt Frank Schlatermund „wir irgendwann mal die Archive gesichtet haben und auf diese Fotos gestoßen sind. Zunächst wussten wir gar nicht, dass der Fotograf der berühmte Alfred Ehrhardt war. Das Schöne war, dass die Alfred Ehrhardt Stiftung auch ein paar Industriefotos aus dieser Serie besitzt. So haben wir die Fotografien zusammengefügt und die Ausstellung eröffnet.“
Alfred Ehrhardt zählt heute zu den bekanntesten nachkriegszeitlichen Kulturfilmern und Fotografen und wurde für seine Arbeit mehrfach mit internationalen Preisen geehrt. Wie in seinen Gemälden, gelingt ihm auch in der Fotografie die „Reduzierung der Form auf das Wesentliche“. Die Kunsthistorikerin Maike Bruhns bezeichnet ihn darüber hinaus als einen der „Großen des Films und der Photografie.“

IND-0180-Presse

Vor den Fabrikhallen der Norddeutschen Kohlen- und Kokswerke AG auf der Veddel / Foto: Alfred Ehrhardt / Alfred Ehrhardt Stiftung / IND-0180

 

Ein Besuch der Ausstellung, die noch bis zum 17. Juli 2015 besichtigt werden kann, lohnt sich in mehrfacher Hinsicht. Die Industriefotografien von Alfred Ehrhardt sind bemerkenswert und auch ein Blick auf die Watt- und Landschaftsfotografien, die ergänzend ausgestellt werden, lohnt sich. Dessen ungeachtet ist nicht zu vergessen, dass Alfred Ehrhardt die Fotografien im Auftrag der Handelskammer für die Imagebroschüre. Daher ist die Hinterfragung des vermittelten Bildes der einzelnen Industrieunternehmen besonders spannend.

Alle Infos zur Ausstellung finden Sie hier.

Klicken Sie auf das graue Feld, um zu lesen, ob sich das Bild der Hamburger Industrie bis heute geändert hat!

 

Hamburg 2015: Industrieplatz oder grüne Metropole?

Seit 1952 hat die Industrie eine große Entwicklung erlebt: neue Sparten, neue Unternehmen, neue Produkte. Doch hat sich das öffentliche Bild der Hamburger Industrie wirklich geändert?

Über ein halbes Jahrhundert später ist der Trend ins Umland abzuwandern, noch nicht abgerissen. Viele Hamburger Firmen haben ihren Hauptsitz innerhalb der Stadt, verlagern aber ihre Produktionsstätten in die umliegenden Industriegebiete. Gleichwohl hat sich das Bild der heutigen Industrie geändert, sagt Frank Schlatermund: „Die Industrie ist natürlich noch da, allerdings hat sie sich etwas verlagert. Heute haben wir viel Luftfahrtbau – denken Sie zum Beispiel an Airbus. Außerdem gibt es Raumfahrzeugbau, Medizintechnik und Elektroindustrie, sowie viele weitere Industriezweige. Trotzdem bestehen immer noch traditionelle Betriebe, wie Reemtsma und Steinway & Sons. Viele gibt es allerdings auch gar nicht mehr; andere wiederum sind unter einem neuen Namen aufgegangen, wie die Hamburgische Electricitäts – Werke AG, die heute Vattenfall heißt.“
Doch das öffentliche Bild Hamburgs als Hafen-, Handels- und heute auch Medienstadt bleibt in den Köpfen der Menschen verankert. Bei dem Gedanken an Industrie, kommen einem Bilder von Fabriken mit qualemden Schornsteinen, schweren Maschinen aus Metall und körperlich schwer schuftende Arbeiter in den Sinn. „Solche Fabriken“, sagt Frank Schlatermund während er auf ein Foto zeigt, das die qualmenden Schornsteine über den Dächern von Billbrook und Billwerder abbildet, „werden viel eher mit der Industrie verbunden. Fabriken, die keine qualmenden Schornsteine anfeuern, wie zum Beispiel in der Mikrochiptechnik, werden von den Leuten gar nicht so als Industrieunternehmen zur wahrgenommen.“

Hamburgs Industriegeschichte – eine Erfolgsgeschichte?

Nichtsdestotrotz sieht Frank Schlatermund in Hamburgs Industriegeschichte eine Erfolgsgeschichte, „weil sich hier immer wieder viele große Industrieunternehmen ansiedeln. Nehmen wir beispielsweise Airbus: Dieses Unternehmen gab es hier nicht immer, und für die Stadt ist es ein großes Plus, dass es sich hier angesiedelt hat. Und genau so gibt es viele weitere Beispiele von Firmen, die in Hamburg gute Arbeit leisten, gute Umsätze generieren und gute Arbeitgeber sind. Die Handelskammer Hamburg ist ja nicht nur die älteste Industrie- und Handelskammer Deutschlands, sondern auch eine der größten. Wir haben etwa 150.000 Mitgliedsunternehmen – und das obwohl wir ein Stadtstaat sind.“
Der Hamburger Wirtschaftssenator, Frank Horch, schreibt 2008 in einem Beitrag für den Band „Arbeiten und Leben in Hamburg“ der Handelskammer, dass die Stadt trotz der strukturellen Entwicklungen, der Globalisierung und des industriellen Fortschritts, nie seinen Charakter als „grüne Metropole“ verloren. Frank Horch liefert hier die Antwort, auf die Frage, warum sich die öffentliche Wahrnehmung der Hamburger Industrie seit 1952 kaum geändert hat. Die Kombination aus neuen Industriezweigen, die den technologischen Fortschritt nutzen und große Fabriken verschwinden lassen, und auf der anderen Seite den „grünen Charakter“ Hamburgs, lässt die Stadt (erfreulicherweise) nicht als Industriemetropole erscheinen.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.