Hamburgische Geschichten

Mittwoch

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Juli 2015

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Neuengamme: Wenn die Zeitzeugen aussterben

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Aufmacher_Skulptur

Die Generation der Zeitzeugen stirbt aus. Auch am 70. Jahrestag der Befreiung wurde über die „Zukunft der Erinnerung“ im KZ Neuengamme diskutiert. Wie kann die Erinnerung an den Nationalsozialismus in Hamburg künftig bewahrt werden, wenn sie niemand mehr aus erster Hand erzählen kann? – Von Torben Banko und Florian Steinkröger

Aus dem Mund des Bundespräsidenten Joachim Gauck hören wir oft den Satz: „Die [NS-]Vergangenheit darf sich nicht wiederholen.“ Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass wir als Deutsche aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Doch die Anzahl der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg wirklich miterlebt haben, sinkt jedes Jahr. Am Stadtrand von Hamburg, bei Bergedorf, erinnert ein Ort an das Dritte Reich in der Hansestadt. Bis vor 70 Jahren die Befreiung durch die Britische Armee gelang, starben dort und in den dazugehörigen Außenlagern etwa 42.900 Menschen unter dem NS-Regime.

Wie sieht die Zukunft der Erinnerung aus?

Erst seit zehn Jahren gibt es auf dem Gelände des ehemaligen Hamburger KZ Neuengamme eine Gedenkstätte für die Opfer und ihre Angehörigen. Im Mai kamen Opferverbände und politische Vertreter hier zusammen, um über die „Zukunft der Erinnerung“ zu diskutieren und den 70. Jahrestag der Befreiung zu feiern. Die Gedenkstätte steht noch in Kontakt zu etwa 600 Überlebenden des KZ Neuengamme – 54 von ihnen kamen aus aller Welt, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Anwesend waren vor allem ihre Kinder, Enkel und Urenkel, die mittlerweile in weiten Teilen die Führung der Überlebenden-Organisationen übernommen haben.

Dr. Oliver von Wrochem hat das Forum organisiert und ist der Leiter des Studienzentrums, das zu der Gedenkstätte Neuengamme gehört. „Wir wollten explizit darüber diskutieren, wie die Nachkommen sich in Zukunft in die Gedenkstättenarbeit einbringen können“, sagt von Wrochem. Die meisten Begegnungen in Neuengamme seien derzeit Treffen zwischen der ersten Generation und der vierten Generation – sprich Urgroßvater trifft auf Urenkel. Es fehle generell an Angeboten und Partizipationsmöglichkeiten für die zweite und dritte Generation. Es gehe dabei nicht darum, sie als Zeugen der Zeugen zu instrumentalisieren, sondern sie mit ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen und als Fürsprecher der Arbeit von Gedenkstätten ernstzunehmen. „Diese Nachfahren von ehemaligen KZ-Häftlingen für die Gedenkstätte zu gewinnen ist sehr wichtig, um überhaupt mit unserer Arbeit fortfahren zu können. Den Kindern und Enkeln ist oft gar nicht bewusst, dass auch sie ihre individuellen Erfahrungen an Besucher der Gedenkstätte weitergeben können“, so von Wrochem weiter. Eine internationale Vernetzung sei das erklärte Ziel des Forums gewesen. Der Austausch zwischen den Angehörigen der Opfer soll leichter werden. Aber auch an die überlebenden Opfer des KZ soll in Form von Gedenktafeln künftig gedacht werden, nicht nur an die Toten.

Der lange Weg zur Gedenkstätte

Nach der Übergabe des ehemaligen KZ-Geländes durch die britische Militärverwaltung an die Stadt Hamburg im August 1948 wurde später im September dort die Justizvollzugsanstalt Vierlande eröffnet. Um das Lager zu besuchen, wurde eine Erlaubnis der Gefängnisverwaltung und der britischen Militärregierung benötigt. Wer nicht Angehörige in dem Gefängnis besuchen wollte, hatte praktisch keine Chance, das Gelände zu betreten. Jedoch erhielt 1952 eine kleine Gruppe belgischer und französischer Überlebender die Erlaubnis vom Senat, ein winziges Ehrenmal auf dem Gelände zu errichten.

1958 schlossen sich die einzelnen Überlebendenverbände zur „Amicale Internationale de Neuengamme“ zusammen. Der Einsatz für eine würdige Gedenkstätte bekam dadurch neuen Auftrieb. 1981 wurden ein Dokumentenhaus mit Archiv und eine Bibliothek eingeweiht. Das Gefängnisgelände blieb aber weiterhin unpassierbar und das Dokumentenhaus stellte sich als viel zu klein heraus, um in angemessenem Umfang über das KZ informieren zu können.

Acht Jahre später beschloss der Senat dann die Verlegung der Haftanstalt und berief eine Expertenkommission ein, die Neuengamme neu gestalten sollte. Die Pläne für einen Neubau wurden aber nicht direkt verwirklicht, weil die Stadt finanzielle Vorbehalte hatte. Erst im August 2000 begannen die Arbeiten an der neuen Justizvollzugsanstalt. Der Beschluss der rot-grünen Regierung, die Gedenkstätte Neuengamme auszubauen, wurde wenig später durch den Antritt des neuen, schwarz-gelben Senats widerrufen. Der Bedarf an Haftplätzen in Hamburg sei zu groß gewesen und so wollte der Senat die JVA Vierlande nicht aufgeben. Wieder protestierten die verschiedenen Verbände gegen die Kehrtwende der Regierung. Nach gemeinsamen Gesprächen und Begehungen des Geländes beschloss der Senat schließlich, die Pläne der letzten Regierung umzusetzen. Am 30. Juni 2003 wurde das Gefängnis endgültig geschlossen. Erst 60 Jahre nach der Befreiung eröffnete die neugestaltete KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit 2500 Gästen. Ohne die Beharrlichkeit der Verbände hätte dieses Ziel wohl nicht erreicht werden können.

Die junge Generation ist gefordert

Wie für Oliver von Wrochem ist auch für die Gedenkstättenpädagogin Swenja Granzow die Arbeit mit Jugendlichen essenziell für die „Zukunft der Erinnerung“. Sie führt seit neun Jahren Schulklassen durch die Gedenkstätte des KZ Neuengamme. „Für Schüler ist es natürlich am beeindruckendsten, wenn sie direkt mit einem ehemaligen KZ-Häftling über die Geschehnisse sprechen können“, erklärt Swenja Granzow. Das Interesse sei zuletzt sehr groß gewesen. Weder die Räumlichkeiten der Gedenkstätte, noch die Kraft der Überlebenden hätten für alle Anfragen ausgereicht. Daher sei es wichtig zu vermitteln, dass auch die Angehörigen der ehemaligen Häftlinge durch die Ereignisse geprägt wurden. Ein Vorschlag der Gedenkstätte und der Verbände ist ein zukünftiger Schüleraustausch. Jugendliche der Länder, aus denen auch die damaligen Insassen kamen, sollen sich hier künftig mit Hamburger Schülern austauschen können.

 

  • Eine Tafel am Eingang des Mahnmals der Gedenkstätte. Die Opferzahlen wurden an drei Stellen verändert. / Foto: Florian Steinkröger

 

Steffen Schulz fährt regelmäßig mit Schülern nach Neuengamme. Er lehrt am Gymnasium Meckelfeld im Landkreis Harburg, das schon seit sechs Jahren mit der Gedenkstätte in einer Kooperation zusammenarbeitet. Die zehnten und zwölften Klassen sind einmal im Jahr gemeinsam auf dem Gelände des ehemaligen KZ.

Während die Jüngeren durch die Anlage geführt werden und vor allem etwas über die Opfer lernen, erarbeiten sich die Oberstüfler in einem Workshop die unterschiedlichen Perspektiven der Täter. Am Ende des Tages tauschen sich beide Gruppen miteinander aus. „Von unserer Schule aus sind es knapp 15 Kilometer Luftlinie bis dahin. Also das KZ in der Nachbarschaft – da sind die Schüler schon baff“, sagt Schulz. Gerade deshalb sei die Kooperation mit der Gedenkstätte so wichtig.

Zwar seien die Schüler vor den Begehungen immer durch den Unterricht vorbereitet worden, aber die plastische Darstellung in Neuengamme habe eine deutlich stärkere Wirkung auf die Klassen: „Jedes Mal wenn ich da bin, sehe ich, wie es in den Köpfen der Schüler arbeitet. Der Unterricht in der Schule ist meist sehr unspezifisch, sehr allgemein. Aber hier werden ihnen dann Gesichter gezeigt. Sie nehmen viele starke Eindrücke mit, die wirklich nachhaltig sind“, sagt Schulz zusammenfassend über den Effekt der Kooperation. Selbst in den Abiturprüfungen könnten viele Prüflinge noch sehr detailliert über die Begehungen berichten.

Platz für Erinnerung ist in Hamburg aber nicht nur am alten Konzentrationslager: Am 12. Juli findet beispielsweise eine „Alternative Hafenrundfahrt“ mit der Thematik Zwangsarbeit, Widerstand und Verfolgung im Hamburger Hafen statt. Veranstaltungen gibt es ganz jährlich überall in Hamburg, nicht nur in Neuengamme. Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, die Erinnerung zu bewahren. Sich zu informieren kann dafür der erste Schritt sein.

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