Hamburgische Geschichten

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August 2014

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Versandhausgründer Otto mit Straße geehrt

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Für den Hamburger Otto Konzern ist dieser August ein geschichtsträchtiger Monat: Der Geburtstag des 2011 verstorbenen Firmengründers Werner Otto jährt sich zum 105. Mal – grund genug für den Senat, die „Wandsbeker Straße“ in „Werner-Otto-Straße“ umzubennen. Otto, der zu Lebzeiten großzügiger Mäzen der Stadt war, gelingt es auf diese Art, nach seinem Tod Spuren in Hamburg zu hinterlassen. – Von Martina Klemkow

Werner Otto ist im Bewusstsein vieler Menschen ein Ur-Hamburger und fest mit der Stadt verbunden. Tatsächlich hat er aber nur einen geringen Teil seiner Lebenszeit in der Hansestadt verbracht. Einer Anekdote zufolge sollte er anfangs nicht einmal einen Gewerbeschein bekommen. Denn angeblich konnte man sich in der Stadt nicht vorstellen, wofür ein Schuhversand nützlich sein sollte.

Preußische Tugenden treffen auf Hanseatisches Unternehmertum

Geboren wird Werner Otto in der Mark Brandenburg, in der Gemeinde Seelow, etwa 80 Kilometer östlich von Berlin, wo er die ersten Jahre der Kindheit verbringt. Später zieht die Familie in die Uckermark, wo er das Gymnasium besucht und eine kaufmännische Lehre beginnt. Nach Zwischenstationen in Stettin, Berlin und dem westpreußischen Kulm kommt Otto erst zu Ende des Zweiten Weltkriegs nach Hamburg. Wie er in seinem Buch „Die Otto-Gruppe“ schreibt, lediglich mit einem „Koffer mit Papiergeld“ sowie Ausweisen als Flüchtling, Schwerkriegsbeschädigter und politischer Häftling – nichts, was als Startvorteil dienlich gewesen wäre. Otto: „Es hieß wieder neu zu beginnen, gleichgültig wie und wo.“[i] Warum er ausgerechnet in Hamburg strandete, bleibt unklar und kann vermutlich dem Zufall zugeschrieben werden. Beziehungen oder Geschäftskontakte in der Stadt besitzt er nicht. 1948 eröffnet Werner Otto auf einem Grundstück in Hamburg-Schnelsen eine Schuhfabrik, die aber bald wieder schließen muss. Ein Jahr später gründet er schließlich im Alter von 40 Jahren die Firma „Werner Otto Versandhandel“, die am 17. August 1949 bei der Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr eingetragen wird. Als Unternehmenssitz dienen zwei kleine Baracken in Schnelsen, in denen zu Beginn drei Mitarbeiter beschäftigt sind.

Doch bereits Anfang der 70er Jahre kann Werner Otto dem feuchten Klima in Hamburg nur noch wenig abgewinnen und entschließt sich, seinen Lebensmittelpunkt von der regnerischen Hansestadt nach Garmisch-Partenkirchen zu verlegen. Laut Michael Otto, dem ältesten Sohn des Versandhausgründers, sei sein Vater durch die zahlreichen Ortswechsel in seiner Jugend innerlich nie wirklich an eine bestimmte Stadt gebunden gewesen.[ii] So zieht es Werner Otto direkt nach der Wiedervereinigung zurück in die Hauptstadt Berlin, an der er vor allem das Schnelle und Quirlige liebt. Dort verbringt er seine letzten Lebensjahre. Hingegen stellt der frühere Bischof Professor Wolfgang Huber in seiner Predigt anlässlich der Trauerfeier zum Tode Werner Ottos heraus, dass dieser auf verschlungenen Wegen ein „überzeugter“ Hamburger geworden sei und erst in den letzten Lebensjahren wieder zum Berliner.[iii]

Der aufstrebende Unternehmer Anfang der 1950er Jahre an seinem Schreibtisch (Quelle: Otto Group)

Der aufstrebende Unternehmer Anfang der 1950er Jahre an seinem Schreibtisch (Quelle: Otto Group)

Der erste Katalog von "W. Otto" mit selbst eingeklebten Produktfotos (Quelle: Otto Group)

Der erste Katalog von „W. Otto“ mit selbst eingeklebten Produktfotos (Quelle: Otto Group)

„Ich bin Hamburger geworden, ohne es richtig zu merken.“

Jedoch ist die Firma OTTO selbst seit jeher ein „Hamburger Kind“, wozu sich das Unternehmen über viele Jahre mit dem Slogan „Otto Versand – Hamburg“ bekannt hat. Werner Otto hatte erkannt, dass Kunden mit der Stadt Weitläufigkeit und Offenheit sowie die traditionelle Verlässlichkeit der Hanseaten verbanden. Er schrieb einmal dazu, Hamburg sei ein Begriff für die meisten Menschen in Deutschland, ein Begriff von Weltstadt und pulsierendem Leben, Hafenstadt, Tor zu Welt, Solidität und Korrektheit.[iv] Dabei steht 1958 auch der Standort in der Hansestadt in Frage. Ein neues Gelände für den Firmensitz wird gesucht, weil das alte zu klein und ohne Ausbaureserve ist. Während es in Hamburg keine geeignete Fläche zu geben scheint, kommen zahlreiche attraktive Angebote aus Schleswig-Holstein. Das Land hätte sogar verschiedene Steuervorteile versprochen, schreibt Otto später.[v] Schließlich fällt Werner Otto die Entscheidung für Hamburg, u.a. weil der Transfer der Mitarbeiter nach Schleswig-Holstein damals nicht möglich gewesen wäre. Zu seiner Standortwahl sagt er später: „Ich bin Hamburger geworden, ohne es richtig zu merken.“ Und: „Hamburg, das hat was.“[vi]

Und tatsächlich: Durch sein Engagement hat es Werner Otto geschafft, sich selbst in die Geschichte und das Stadtbild Hamburgs einzuschreiben. Am augenscheinlichsten wird dies am Jungfernstieg, dessen Neugestaltung er mit vier Millionen Euro unterstützt, damit der Boulevard an der Hamburger Binnenalster in altem Glanz erstrahlen kann. „Hamburg braucht den Jungfernstieg, er ist wichtig für die Entwicklung der Stadt“[vii], erklärt Werner Otto am Rande der Jungfernstieg-Gala 2003. An anderer Stelle, im Rahmen eines Projekts der 1969 gegründeten „Werner Otto Stiftung“, wird das wissenschaftliche Behandlungszentrum für Krebskrankheiten im Kindesalter an der Universitätskinderklinik Hamburg-Eppendorf eröffnet. 1974 gründet Werner Otto das „Werner Otto Institut“ auf dem Gelände der Stiftung Alsterdorf in Hamburg, die erste und bisher einzige Spezialeinrichtung Norddeutschlands, die sich ausschließlich mit der Früherkennung und Behandlung entwicklungsgestörter oder behinderter Kinder und Jugendlicher befasst.

13. August 1959: Grundsteinlegung für den Neubau des Otto Versands in Hamburg-Bramfeld (Quelle: Otto Group)

13. August 1959: Grundsteinlegung für den Neubau des Otto Versands in Hamburg-Bramfeld (Quelle: Otto Group)

V.l.n.r.: Dr. Michael Otto mit Frau Christel, Prof. Dr. h.c. Werner Otto mit Frau Maren und Alexander Otto mit seiner Frau Dorit bei der Einweihung des Jungfernstiegs im Mai 2006 (Quelle: ECE)

V.l.n.r.: Dr. Michael Otto mit Frau Christel, Prof. Dr. h.c. Werner Otto mit Frau Maren und Alexander Otto mit seiner Frau Dorit bei der Einweihung des Jungfernstiegs im Mai 2006 (Quelle: ECE)

Der Heimat treu geblieben

Doch auch seine Heimat vergisst Werner Otto nie. Wie sein Sohn Alexander Otto beschreibt, hat sich Werner Otto gegen Lebensende immer stärker mit dem Osten Deutschlands verbunden gefühlt, mit den Orten, in denen er seine Jugend verbracht hat.[viii] Beispielsweise unterstützt er die Restaurierung seiner Taufkirche in Seelow, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Als der Seelower Superintendant Roland Kühne schriftlich fragt, ob Werner Otto Ehrenmitglied des Fördervereins für den Wiederaufbau des Turms werden wolle, antwortet dieser: „Nein, damit ist Ihnen ja nicht gedient. Aber ich übernehme die Hauptkosten.“[ix] So erklingt nach 53 Jahren in Seelow wieder ein Glockengeläut, was eine ganz besondere Bedeutung für Werner Otto hatte.

Ähnlich pragmatisch geht Werner Otto bei der Restaurierung des Potsdamer Schlosses „Belvedere“ vor. Zunächst hatte er 2,3 Millionen Euro zugesagt, eine Summe, die gerade für die Instandsetzung des Westturms der Anlage ausreicht. Bei der Eröffnung 1992 sagt Werner Otto fast beiläufig zur damaligen brandenburgischen Finanzministerin Wilma Simon: „Wir sollten das jetzt mal fertigbauen, ich übernehme auch noch den anderen Turm.“[x] In Berlin spendet Werner Otto u.a. dem Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt 4,5 Millionen Euro für die Gestaltung eines Werner-Otto-Saals, der heute für Kammerkonzerte, Bankette oder Proben genutzt wird.

An fast jedem Ort, an dem er lebte, hat Werner Otto seine Spuren hinterlassen und ist auf diese Weise Teil der jeweiligen Stadt geworden. Wie Wolfgang Peiner, früherer Mitarbeiter Werner Ottos und ehemaliger Finanzsenator Hamburgs, beschreibt, steht dieser auch für die Stadt an sich. „Er ist Großstädter aus Überzeugung und setzt sich für eine menschengerechte Stadtentwicklung ein.“[xi] Werner Otto selbst erklärt, Menschen seien ihm wichtiger als Bilanzen[xii]. Für Hamburgs ehemaligen Bürgermeister Ole von Beust besteht darin seit jeher ein Teil des Selbstverständnisses der Hamburger Bürgerrepublik. Wenn es darum geht, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, hätten Persönlichkeiten wie Werner Otto Maßstäbe gesetzt. „Kaum eine Person, kaum eine Familie nimmt sowohl hanseatische Tradition als auch Unternehmerverantwortung so ernst wie Werner Otto, wie die Hamburger Unternehmerfamilie Otto.“[xiii] Sicher kommen Werner Otto, der sagt, er habe die Merkmale der Mark verinnerlicht[xiv], dabei auch seine preußischen Wurzeln und Tugenden zugute.

Bundespräsident Johannes Rau und seine Frau Christiane mit Werner Otto (v.l.) im Juni 2003 bei der Einweihung des restaurierten Belvedere. (Quelle: ECE)

Bundespräsident Johannes Rau und seine Frau Christiane mit Werner Otto (rechts) im Juni 2003 bei der Einweihung des restaurierten Belvedere. (Quelle: ECE)

11.08.2009: Prof. Dr. h.c. Werner Otto mit Frau Maren bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde durch Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit  V.l.: Der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit, Prof. Dr. h.c. Werner Otto mit Frau Maren (Quelle: Trenkel/BExclusive)

11.08.2009: Prof. Dr. h.c. Werner Otto mit Frau Maren bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde durch Berlins regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (links)
(Quelle: Trenkel/BExclusive)

Ehre, wem Ehre gebührt

Für sein unternehmerisches und soziales Engagement erhält der Versandhausgründer verschiedene Auszeichnungen, z.B. das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, die Ehrendenkmünze in Gold des Hamburger Senates, den Ehrentitel Professor der Freien und Hansestadt Hamburg, die Ernst-Reuter-Plakette des Senates Berlin, den Verdienstorden des Landes Brandenburg sowie die Ehrenbürgerwürde in Berlin und seiner Geburtsstadt Seelow. Zur Verleihung der höchsten Auszeichnung des Hamburger Senats, der Bürgermeister-Stolten-Ehrenmedaille, erklärt Ole von Beust, das von Werner Otto gegründete Unternehmen habe längst Weltgeltung erlangt und ergänzt scherzhaft: „Einziger Wermutstropfen, Sie sind kein Hamburger.“[xv]

Letztlich hat diese Tatsache Werner Ottos Ansehen und Gedenken aber nicht geschadet. Mit der Ehrung durch die eigene Straße beweist Hamburg mehr als nur Gastfreundschaft. Mit ihr ist Werner Otto nun im wahrsten Sinne des Wortes Teil der Stadt.


[i] Otto, Werner: Die Otto-Gruppe, S. 35

[ii] Schmoock, Matthias: Werner Otto – Der Jahrhundert-Mann, S. 43

[iii] Vgl. Huber, Wolfgang: Predigt in der Trauerfeier. http://www.wolfganghuber.info/predigten/112-zur-trauerfeier-fuer-werner-otto.html

[iv] Schmoock, Matthias: Werner Otto – Der Jahrhundert-Mann, S. 72

[v] Otto, Werner: Die Otto-Gruppe, S. 65

[vi] Mattner, Dr. Andreas /Robert Heinemann: Schriftenreihe Lebendige Stadt. Band 3, S. 16

[vii] Schmoock, Matthias: Werner Otto – Der Jahrhundert-Mann, S. 189

[viii] Schmoock, Matthias: Werner Otto – Der Jahrhundert-Mann, S. 149

[ix] Mattner, Dr. Andreas /Robert Heinemann: Schriftenreihe Lebendige Stadt. Band 3, S. 14

[x] Mattner, Dr. Andreas /Robert Heinemann: Schriftenreihe Lebendige Stadt. Band 3, S. 15

[xi] http://www.werner-otto.info/zitate.html

[xii] Schmoock, Matthias: Werner Otto – Der Jahrhundert-Mann, S. 201

[xiii] Schmoock, Matthias: Werner Otto – Der Jahrhundert-Mann, S. 209

[xiv] Schmoock, Matthias: Werner Otto – Der Jahrhundert-Mann, S. 14

[xv] Schmoock, Matthias: Werner Otto – Der Jahrhundert-Mann, S. 210

 

Literaturhinweise:

  •  ECE Projektmanagement G.m.b.H. & Co. KG: Zitate. http://www.werner-otto.info/zitate.html. 11.08.2014
  • Huber, Wolfgang: Predigt in der Trauerfeier für Werner Otto am 19. Januar 2012 in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin. PDF http://www.wolfganghuber.info/predigten/112-zur-trauerfeier-fuer-werner-otto.html. 11.08.14
  • Mattner, Dr. Andreas/Heinemann, Robert; Stiftung Lebendige Stadt (Hrsg.): Schriftenreihe Lebendige Stadt. Band 3: Die menschliche Marktwirtschaft. Unternehmer übernehmen Verantwortung. Frankfurt am Main 2004.
  • Schmoock, Matthias: Werner Otto. Der Jahrhundert-Mann. Frankfurt am Main 2009.
  • Otto, Werner: Die Otto-Gruppe. Mit 12 Unternehmerprinzipien zum Erfolg. Düsseldorf und Wien 1983.

Zum Weiterschauen:WDR: Deutsche Dynastien. Otto. https://www.youtube.com/watch?v=vgVGzWh78w0

Zur Autorin:

Martina ist seit dem Wintersemester 2013/14 Masterstudentin (Medienwissenschaft/Media Studies) an der Universität Hamburg.