Hamburgische Geschichten

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Juli 2014

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Ohlsdorf: Ein Friedhof in bewegten Zeiten

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Friedhöfe sind nicht nur Orte der Trauer und der Verstorbenen. Es sind lebendige Räume. Sie geben Einblick in eine Gesellschaft und ihren Umgang mit dem Tod. Der großflächige Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf wurde als englischer Landschaftsgarten angelegt. Er wurde zum Vorbild für viele weitere städtische Begräbnisplätze. Welche Geschichte erzählt dieser Parkfriedhof? – Von Norbert Fischer

Die Geschichte des Hamburger Parkfriedhofs Ohlsdorf, der in der Kaiserreichzeit entstand, spiegelt die spannungsreiche Geschichte von Tod und Bestattungskultur. Die Veränderungen, welche Ende des 19. Jahrhunderts die Gesellschaft auf sozialer, wirtschaftlicher, technischer und politischer Ebene ergriffen, offenbaren sich in der Bestattungskultur. Der Hamburger Landschaftsfriedhof Ohlsdorf entstand 1877, in einem Zeitraum großer Umgestaltungen und Umbrüche in der Industrie, in den Städten, in der Wissenschaft und der Technik. Wie kein anderer Großfriedhof in Deutschland repräsentierte Ohlsdorf dabei die Sehnsucht nach einem möglichst naturnah gestalteten Raum. Der Friedhof bot einen gesellschaftlichen Fluchtpunkt gegenüber den neuartigen, auch in Hamburg immer massiver den Alltag prägenden großstädtisch-industriellen Lebenswelten. Die Gestaltung des Ohlsdorfer Friedhofs als landschaftliches Gesamtkunstwerk verweist direkt auf die gesellschaftlichen Verwerfungen einer alle Lebensbereiche umfassenden Umbruchsphase. Wie wirkte sich diese Angst vor Neuem auf die Friedhofsgestaltung aus und welche Aufgaben musste ein moderne Friedhof in dieser Zeit erfüllen?

Geschichte des Parkfriedhofs Ohlsdorf

Der im Norden der Hansestadt angelegte Friedhof erhielt in den 1880er Jahren als einer der ersten Großfriedhöfe Deutschlands den prägenden Stil des englischen Landschaftsgartens und wurde zu einem national und international weithin beachteten Vorbild. Früher als in Deutschland hatte sich die Tendenz zum landschaftlich gestalteten Friedhof jedoch in anderen Ländern gezeigt. In Frankreich wurde der 1804 eröffnete neue Pariser Ostfriedhof – besser bekannt unter dem Namen Père Lachaise – als malerischer Landschaftsgarten eingerichtet. Später wurden vor allem im angloamerikanischen Raum etliche landschaftliche Friedhöfe, sogenannte „rural cemeteries“ angelegt: beispielsweise Mount Auburn in Cambridge/ Massachusetts (1831), Laurel Hill Cemetery in Philadelphia (1836), Greenwood Cemetery in Brooklyn/ New York (1838) und Little Ilford in London (1856). In Deutschland waren es in den 1860er und 1870er Jahren der Alte Friedhof in Schwerin, der Kieler Südfriedhof und die Friedhöfe Riensberg und Walle in Bremen, die landschaftsnah gestaltet wurden.1 Hier fand die Verwandlung einer Friedhofsästhetik ihren Höhepunkt, deren Traditionslinien ins frühe 19. Jahrhundert zurückreichen. Auch der englische Landschaftsgarten des 18. Jahrhunderts übte starken Einfluss auf diese Art der Friedhofsgestaltung aus.2

Ein landschaftliches Gesamtkunstwerk

Im Jahre 1877 wurde der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg eröffnet. Der Architekt und spätere Friedhofsdirektor Wilhelm Cordes orientierte sich bei der Friedhofsgestaltung an diesem englischen Stil. Dieser zeichnete sich durch eine naturnahe Landschaftsgestaltung mit wenigen Blühpflanzen und sich durch die Landschaft schlängelnde Wege und Flüsse aus. Man orientierte sich an Landschaftsgemälden, sodass die Parks zu Kunstwerken wurden. Betrachtet man unter dieser Aussage den Ohlsdorfer Friedhof genauer, erscheint er ebenfalls als ein landschaftlich gezeichnetes Gesamtkunstwerk. Anregungen für diese Art der Landschaftsgestaltungen kamen aus England und der Kunst. Ein berühmtes Beispiel ist das zur gleichen Zeit entstandene populäre Gemälde „Toteninsel“ von Arnold Böcklin, welches ebenfalls als „Landschafts – Denkmal“ konzipiert worden war.3 Es zeigt eine aus dem Meer ragende Felsinsel, in deren Nischen Grabkammern eingelassen wurden. Ein Kahn mit einer weißverhüllten Gestalt, einem ebenfalls weißen Sarg und einem Ruderer steuern die mit Zypressen bewachsene Insel an.

Ein Friedhof zwischen Natur, Kultur und Technik

In der Kaiserreichzeit lag der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Diese Begräbnisstätten waren zu Fuß nicht mehr zu erreichen. So wurden die außerstädtischen Großfriedhöfe teilweise mit Bahnstrecken an die Stadt angebunden. Neben Ohlsdorf erhielt z.B. auch der 1909 eröffnete Stahnsdorfer Friedhof in Berlin eine eigene Bahnanbindung. Die Anlange von Großfriedhöfen weit außerhalb der Städte veränderte die Grundvoraussetzungen an Friedhöfe und wirkte sich auf die Bestattungskultur aus. Der neue Begräbnisplatz wurde am Rande der Stadt auf einem freien Feld angelegt. Diese Lage war typisch für jene Großfriedhöfe, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, weil die Städte durch das industrielle Wachstum in dieser Zeit rasch wuchsen. Durch seine wie gemalte Natur – und Landschaftskulisse, die den Tod in die Pracht der Bäume und Sträucher, Hügel, Bäche und Teiche geradezu einbettete, wurde der Friedhof zu einem sonntäglichen Ausflugsziel der großstädtischen Bevölkerung. Dazu hieß es in einer Illustrierten von 1906: „Nie wird man müde, den Sinn zu bewundern, der hier schaffend gewaltet. Der die Brücken schlug von Natur zu Kunst, von Kunst zu Natur. Zu höherer Einheit ist beides hier verbunden. Man wandelt wie in einer anderen Welt, wo die Gegensätze sich aufheben.“4 An diesem überschwänglichen Lob wird deutlich, wie der Friedhof Natur, Kultur und Technik zu einem harmonischen Arrangement verband.

Begünstigt wurde der landschaftsgestalterische Entwurf nach dem Vorbild der englischen Landschaftsgärten durch die lokalen topographischen Gegebenheiten. Das vorhandene, leicht hügelige Terrain forderte geschwungene Wege geradezu heraus, wollte man die notwendigen Erdarbeiten möglichst gering halten. Die später landschaftlich so reizvollen Teiche waren Ergebnis der technisch notwendigen Drainagearbeiten. Der Stettiner Friedhofsleiter Georg Hannig würdigt in seinem zeitgenössischen Werk „Der Friedhof und seine Kunst“ die Anlage mit folgenden Worten: „Allein aus dem Zweck heraus ist hier alles geschaffen und einem Willen angepaßt. Das Gelände ist verwertet, wie es sich gerade bot … „5Die bunte Vielfalt aus heimischen und exotischen Pflanzen und Bäumen wie auch die Anlage eines „Geologischen Hügels“ verwiesen zugleich auf pädagogische Absichten: Der Friedhof war nicht nur eine Stätte der Pietät, sondern hatte als botanisch-geologisches Freilichtmuseum auch eine moralisch-belehrende Funktion.

Aufgaben und Funktionen

Nach seiner Eröffnung präsentierte sich der Friedhof mit seinen idyllischen Teichanlagen und Bachläufen, verschlungenen Wegen, künstlich geschaffenen Hügeln und seiner betont abwechslungsreichen Bepflanzung als Synthese aus Natur, Kunst und Technik. Diese Synthese unterschiedlicher Funktionen war das Bestreben im Gesamtkunstwerk Ohlsdorf. Nicht umsonst äußerte sich der langjährige Friedhofsdirektor von Ohlsdorf, Wilhelm Cordes, in einem Friedhofsführer 1897 über die Aufgaben: „Der Friedhof soll nicht eine Stätte der Todten und der Verwesung sein. Freundlich und lieblich soll alles dem Besucher entgegentreten und dadurch der Ort aus der umgebenden Landschaft herausgehoben und geweiht werden.“6 Und weiter: „In der richtigen malerischen Vereinigung von Architektur, Sculptur und Landschaftsgärtnerei liegt ein weiter Spielraum für die Phantasie und ein unerschöpfliches, freies Arbeitsfeld; und ein Friedhof, nach diesen Gesichtspunkten geleitet, könnte vorbildlich werden für das harmonische Zusammenwirken von Architektur, Sculptur und Landschaftsgärtnerei.“7

Wachsendes Interesse an Grabstätten

Zugleich hatte die landschaftliche Differenzierung den Vorzug, reizvoll gelegene und privilegierte Bestattungszonen zu schaffen, die zu entsprechend hohen Gebühren verkauft werden konnten. Aufgrund ihrer stellenweise malerischen Lage erfreuten sich diese Bereiche zunehmender Beliebtheit. Je reizvoller die Anlage, desto höher die Gebühreneinnahmen: Diese Regel war den Friedhofsträgern auch damals durchaus geläufig. Das zeigt folgende Feststellung des bereits zitierten Georg Hannig: „Es ist eine überall beobachtete Tatsache, daß auf Friedhöfen, die dem ästhetischen Bedürfnis durch reichlich bemessene Anpflanzungen mehr Rechnung tragen als bisher, die Zahl der besseren Kaufgräber gerade dieses eben erwähnten Umstandes halber prozentual ganz erheblich steigt.“8 Nicht umsonst wurde um die Jahrhundertwende von Ohlsdorf berichtet, daß die Nachfrage nach größeren Grabstätten im Waldgürtel auffallend gestiegen war.9 Durch die sich nun entfaltete Vegetation entwickelte sich dieser zu einem der stimmungsvollsten Teile des Friedhofs. Gerade im bewaldeten Teil des Zentralfriedhofs wurden nur die entsprechend teuren Familiengrabstätten zugelassen, aber keine Reihengräber. Hier wurden dann jene naturgeprägten, großflächigen Grabmaltypen errichtet, die in besonderem Maß dem Stilrepertoire des Landschaftsgartens entsprachen, wie Felsen und Findlinge.10

Ohlsdorf als Vorbild

Ohlsdorf wurde zum ästhetischen Vorbild für die Friedhofsgestaltung des späten 19. Jahrhunderts und auf mehreren Ausstellungen, auch einem internationalen Publikum, vorgestellt.11 So wurde der Friedhof z.B auf der Pariser Weltausstellung 1900 als Modell deutscher Gartenkunst prämiiert.12

Zur Jahrhundertwende erwies sich der Ohlsdorfer Friedhof als ein wichtiges städtisches  Renommierobjekt. In einem lokalen Hamburger Pressebericht hieß es: „Auch im letzten Jahre wurde der Friedhof von den hiesigen Vereinen sowie von auswärtigen Behörden, unter anderem von Berlin, München und Flensburg zum Studium für dort geplante Friedhofsanlagen besichtigt.“13 Entsprechend beeinflusste Ohlsdorf die Gestaltung anderer Friedhöfe. In Köln entstanden mit dem Nord – (1895/96) und dem Süd – Friedhof (1900) ebenfalls landschaftlich orientierte Anlagen, in Hannover wurde der Stöckener Stadtfriedhof ab 1901 landschaftsparkähnlich erweitert. Auf dem Mannheimer Hauptfriedhof wurden die Erweiterungsflächen der bisher streng rechteckig ausgerichteten Anlage durch kreis- und ellipsenförmige Wege und ansprechende Bepflanzung gartenarchitektonisch aufgewertet (1892 bzw. 1900). Der prämiierte und 1907 auf einer Gartenbauausstellung präsentierte Entwurf für einen neuen, wegen des Ersten Weltkriegs dann nicht realisierten Mannheimer Zentralfriedhof sah gleichfalls eine landschaftsartige Gestaltung mit einem Teich vor.14 Darüber hinaus sorgte das Gesamtkunstwerk Ohlsdorfer Friedhof mit dafür, daß die Forderung nach abwechslungsreicher Bepflanzung von Friedhöfen ebenso zu einem Thema in der Zeit des Kaiserreiches wurde als auch die Einpassung von Klein- und Kleinstarchitektur, wie Brunnen, Wegweiser und Orientierungstafeln, in das Gesamtbild.15 Anfang des 20. Jahrhunderts kam sogar ein Handbuch speziell für landschaftliche Friedhöfe heraus.16

Tod und Trauer

Der Ohlsdorfer Friedhof mit seinen unterschiedlichen Funktionen und Aufgaben entwickelte sich in der Kaiserreichzeit zu einem Vorreiter und Vorbild in der landschaftlichen Gestaltung von Friedhöfen. Neben der naturnahen, romantischen Friedhofsgestaltung entwickelte sich zeitgleich und diametral ein eher praktisch – rationaler Umgang mit Tod und Trauer durch die Einführung der modernen Feuerbestattung, die Aspekte wie Hygiene und Technik in den Fokus rückte.

 


[i] Barbara Leisner: Ästhetisierung der Friedhöfe. Die amerikanische Parkfriedhofsbewegung und ihre Übernahme in Deutschland. In: Norbert Fischer/Markwart Herzog (Hrsg.): Nekropolis. Der Friedhof als Ort der Toten und der Lebenden. Stuttgart 2005, S. 68-70; zu Schwerin siehe auch Anja Kretschmer: Häuser der Ewigkeit. Mausoleen und Grabkapellen des 19. Jahrhunderts. Eine Einführung in die Sepulkralkultur am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns. Hamburg 2012, S. 103-106.

 

[i] Leisner: Ästhetisierung (wie Anm. 1), S. 59-78; Barbara Leisner /Ellen Thormann/Heiko K. L. Schulze: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf. Geschichte und Grabmäler. Bearbeitet von Andreas von Rauch. Zwei Bände. Hamburg 1990; als neueren Überblick siehe Helmut Schoenfeld (unter Mitarbeit von Norbert Fischer, Barbara Leisner und Lutz Rehkopf): Der Ohlsdorfer Friedhof. Ein Handbuch von A-Z. Bremen 2006.

 

[i] Franz Zelger: Arnold Böcklin: Die Toteninsel. Selbstheroisierung und Abgesang der abendländischen Kultur. Frankfurt/M. 1991, S. 54; zum „Landschafts-Denkmal“ ebd., S. 7.

 

[i] Georg Hannig: Der Friedhof und seine Kunst. Zeitgemäße Betrachtungen über die Ausgestaltung unserer Friedhöfe. Berlin 1908, S. 50.

 

[i] Georg Hannig: Der Friedhof und seine Kunst. Zeitgemäße Betrachtungen über die Ausgestaltung unserer Friedhöfe. Berlin 1908, S. 50.

 

[i] Friedhof zu Ohlsdorf-Hamburg. Führer. Hamburg o. J. [1897], S. 14.

 

[i] Ebd., S. 15.

 

[i] Hannig (wie Anm. 4), S. 1.

 

[i]  „Von der Todtenstadt in Ohlsdorf“. In: Hamburger Fremdenblatt vom 13.7.1901, S. 6.

 

[i] Zu diesen Grabmälern siehe Leisner u.a. (wie Anm. 2), Band I, S. 83-89.

 

[i] Barbara Scharf: Der Ohlsdorfer Friedhof im Spiegelbild großer Ausstellungen. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 78, 1992, S. 135-161, hier S. 139.

 

[i] Scharf (wie Anm. 5), S. 143.

 

[i] Von der Todtenstadt in Ohlsdorf“. In: Hamburger Fremdenblatt vom 13.7.1901, S. 6.

 

[i] Volker Keller: Architektur der Friedhöfe. In: Jugendstilarchitektur um 1900 in Mannheim. Red.: Jörg Schadt. Mannheim 1986, S. 181-184.

 

[i] Hannig (wie Anm. 4), S. 119-120 sowie S. 138-141.

 

[i] Hans Pietzner: Landschaftliche Friedhöfe, ihre Anlage, Verwaltung und Unterhaltung. Leipzig 1904.